Das Rentenpaket ist beschlossen, und Bürger müssen mit steigenden Abgaben rechnen. Ökonom Axel Börsch-Supan warnt vor 50 Prozent Sozialausgaben.
Berlin – Kurz vor Weihnachten hat der Bundestag, nach langer Diskussion, das Rentenpaket der Bundesregierung beschlossen. In namentlicher Abstimmung votierten 318 Abgeordnete für den Gesetzentwurf zur Stabilisierung des Rentenniveaus. Die Linke hatte sich geschlossen bei der Abstimmung enthalten.
Auch nach Billigung des Rentenpakets reißt die Debatte um die Finanzierbarkeit des Sozialstaats reißt nicht ab. Das Paket sieht vor, die Haltelinie für das Rentenniveau von 48 Prozent bis 2031 zu verlängern. Der Nachhaltigkeitsfaktor, der dafür sorgen soll, dass die Renten langsamer steigen, wenn immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner finanzieren müssen, bleibt bis 2031 außer Kraft gesetzt.
Deutschlands führender Rentenexperte Axel Börsch-Supan warnt im Interview mit dem Handelsblatt nun in drastischen Worten vor den langfristigen Folgen. „Wenn sich die SPD bei der Rente weiter durchsetzt und die Haltelinie über das Jahr 2031 hinaus verlängert, landen wir langfristig bei Sozialausgaben von rund 50 Prozent“, sagt der Ökonom, der das Mannheimer Forschungsinstitut für Ökonomie und Demografischen Wandel gründete.
Umstrittenes Rentenpaket trotz Expertenwarnung beschlossen: Sozialabgaben 2025 bereits über 42 Prozent
Börsch-Supan kritisiert die Entwicklung der Sozialausgaben scharf: „Wir sind dabei, unser Fundament für die Finanzierung des Sozialstaats zu zerstören.“ Der Wissenschaftler warnt, dass immer höhere Sozialausgaben die Mittel für Bildung und Innovationen verdrängen würden. „Das ist auch eine Gefahr für die Demokratie“, sagt er im Handelsblatt-Interview.
Die Belastung durch Sozialabgaben ist bereits jetzt erheblich. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln klettern die Sozialbeiträge 2025 auf über 42 Prozent. Besonders die zu zahlenden Beiträge für gesetzliche Krankenkassen belasten Arbeitnehmer und Arbeitgeber: Der durchschnittliche Zusatzbeitrag stieg 2025 auf 2,9 Prozent – statt der erwarteten 2,5 Prozent. „Für die Unternehmen in Deutschland sind immer höhere Sozialabgaben eine Wachstumsbremse“, sagt IW-Studienautor Jochen Pimpertz. Die Arbeitgeber müssen laut IW zusätzliche Sozialabgaben in Höhe von 3,8 Milliarden Euro zahlen.
Weitere Erhöhungen für 2026 angekündigt – Börsch-Supan: „Wir schwächen das Wachstum“
Für 2026 zeichnen sich weitere Belastungen ab, auch zu Lasten der jüngeren Generationen. Das Bundesgesundheitsministerium hat laut Vermögenszentrum Deutschland im November 2025 bekanntgegeben, dass der durchschnittliche Zusatzbeitrag zur Krankenversicherung 2026 voraussichtlich bei 2,9 Prozent bleiben wird. Zudem steigen die Beitragsbemessungsgrenzen deutlich: In der gesetzlichen Krankenversicherung erhöht sich die Grenze laut Bundesregierung auf jährlich 69.750 Euro beziehungsweise 5.812,50 Euro im Monat. Und in der Rentenversicherung steigt die Beitragsbemessungsgrenze auf 8.450 Euro monatlich. Die Bundesregierung rechnet zum 1. Juli 2026 mit einer Rentenerhöhung von 3,73 Prozent. Das geht aus dem Entwurf des Rentenversicherungsberichts 2025 hervor. Die jährliche Rentenanpassung läge damit deutlich über der erwarteten Preissteigerungsrate von etwa zwei Prozent.
Börsch-Supan sieht in dieser Politik eine gefährliche Entwicklung: „Wenn wir immer mehr für Soziales ausgeben, schwächen wir das Wachstum. Es kommt zu Wohlstandsverlusten. Bürger wenden sich von der Demokratie ab, nach dem Motto: Erst haben wir es mit dem Scholz versucht, dann mit dem Merz, das nächste Mal wählen wir die Weidel“, warnt der Rentenexperte im Handelsblatt.
Höhere Belastungen bei Sozialabgaben programmiert: Kritik an SPD-Argumentation
Der Ökonom kritisiert zudem die Rentenpolitik der vergangenen Jahre scharf. Anfang der 2010er-Jahre sei das Rentensystem „solide aufgestellt“ gewesen. Dann habe die Politik es „nach und nach kaputt gemacht“ – durch die Aussetzung des Nachhaltigkeitsfaktors, die Einführung der Rente mit 63 und die Mütterrente.
„Dadurch stieg einseitig die Beitragsbelastung für die Jungen und parallel der Rentenzuschuss aus dem Bundeshaushalt“, erklärt Börsch-Supan. Zur SPD-Argumentation, die Reformen seien nötig, um Geringverdienern eine auskömmliche Rente zu garantieren, sagt Börsch-Supan: „Einfach alles“ sei daran falsch. Menschen mit geringen Rentenansprüchen nütze die Stabilisierung des Rentenniveaus „rein gar nichts“. Die Grundsicherung sei nicht Teil des Rentensystems, sondern davon abgekoppelt, das werde häufig übersehen.
Das IW Köln fordert unterdessen eine „strikte Ausgabendisziplin“ von der Bundesregierung. „Hier müssen die angehenden Koalitionäre in Berlin dringend nachlegen“, so IW-Experte Pimpertz. Ansonsten drohten Impulse zu versanden, die über den Infrastrukturfonds finanziert werden sollen. Ob die für Ende 2025 angekündigte Rentenkommission, die bis Juni 2026 Ergebnisse für eine umfassende Reform vorlegen soll, tatsächlich Entlastungsmaßnahmen bringen kann, bleibt abzuwarten. Börsch-Supans Warnung vor Sozialausgaben von 50 Prozent zeigt jedenfalls, welche Dimension das Problem haben könnte, wenn die Politik nicht gegensteuert. (ls)