Die Hölle gleich neben dem Paradies: Ein Besuch im Flüchtlingscamp im Südsudan

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Ein Kind an dem Ort, dem es an allem fehlt: In dem schmutzigen staubigen Camp im Südsudan stehen Hütten aus Palmzweigen dicht an dicht, kleine Lagerfeuer dienen als Kochstellen.  © Bumeder

Im südsudanesischen Ave Maria kämpfen Helfer um Menschlichkeit. Während Rebellen Gewalt und Not säen, wächst das Elend der Flüchtlinge. Doch eine Mission versucht, Hoffnung zu geben. Ein Moosacher Verein unterstützt sie. Dessen 2. Vorsitzender Christian Moser und Autor Franz Bumeder haben sich an der Grenze zu Zentralafrika und zum Kongo ein Bild von der Lage gemacht.

Moosach – Nach der Regenzeit ist die Landschaft in sattes Grün getaucht. Selbst das raue Gras weist noch nicht auf die anstehende Trockenperiode hin. Bei angenehmen 30 Grad weht ein leichter Wind. Gänse, Schweine, Hühner streifen über das Gelände, Katzen dösen in der tropischen Sonne, zwei Schimpansen beobachten aufmerksam das Geschehen. Von der nahen Kirche ist rhythmisches Trommeln zu hören, fröhliches Kindergeschrei mischt sich darunter. Ein Paradies für den unbefangenen Besucher, die Mission „Ave Maria“ im krisengeschüttelten Südsudan an der Grenze zu Zentralafrika und zum Kongo.

Ein Leben ohne Hoffnung auf Rückkehr: 10 000 Menschen leben im Camp

Die Schattenseiten dieses Paradieses schockieren die Besucher ein paar hundert Meter weiter. In einem schmutzigen, staubigen Camp stehen Hütten aus Palmzweigen dicht an dicht, kleine Lagerfeuer dienen als Kochstellen, Kinder, die größeren in zerfetzten T-Shirts und Shorts, die Kleinen nackt, spielen mit Hölzern, Zweigen oder Steinen. Männer sitzen teilnahmslos vor den Hütten oder stehen in Gruppen beisammen. Es sind Flüchtlinge, meist aus der rund 40 Kilometer entfernten Stadt Tombura, die Anfang des Jahres von Rebellen überfallen wurde.

Viele Kinder, die in dem Camp untergebracht wurden, sind von der Flucht schwer traumatisiert.
Viele Kinder, die in dem Camp untergebracht wurden, sind von der Flucht schwer traumatisiert. © Bumeder

Avelino Basols erzählt, wie die Flüchtlinge Anfang des Jahres plötzlich zu Tausenden auf der Suche nach sicherer Zuflucht hier auftauchten. Basols trägt T-Shirt, Shorts und Sandalen. Nichts deutet darauf hin, dass er Priester ist. Doch der Deutsch-Spanier ist Mitglied der „Missionary Community of Saint Paul the Apostle“ (MCSPA), einer vor 50 Jahren in Spanien gegründeten katholischen Gemeinschaft aus Priestern und Schwestern. Er leitet die Mission und sieht sich in der Verantwortung für das Flüchtlingscamp. Bei der letzten Zählung registrierte er 7328 Männer, Frauen und Kinder, schätzt aber, dass es mehr als 10 000 Menschen sind, die derzeit hier leben – ohne Hoffnung auf Rückkehr. Ihre Häuser sind niedergebrannt oder zerstört, sie haben Angst vor erneuten Überfällen.

Christian Moser, der Avelino auf seinem Rundgang durch das Camp begleitet, ist schockiert. Der zweite Vorsitzende des in Moosach beheimateten Fördervereins „Neue Wege“ unterstützt seit 1989 die Arbeit der MCSPA. Der Gang durch das trostlose Camp geht Moser sichtlich nahe. Dabei ist seit dem Frühjahr schon einiges geschehen. Die Versorgung mit Lebensmitteln haben die Mitarbeiter der Mission mittlerweile weitgehend im Griff, seit jeder Familie eine Parzelle zugewiesen wurde, auf der diese Gemüse wie Süßkartoffeln oder Maniok anbauen kann. Den sechs Kilometer langen Anmarsch zu den Parzellen nehmen die Menschen in Kauf. Besser als zu hungern, besser als auf Lebensmittelspenden internationaler Organisationen angewiesen zu sein.

Südsudan seit 2013 unabhängig – Kämpfe zwischen Rebellen und Regierung

2013 ist der Südsudan als jüngster Staat der Welt vom Sudan unabhängig geworden. Für die Menschen hat sich dadurch nichts gebessert. Als Folge des immer noch schwelenden Bürgerkriegs zwischen südsudanesischen Regierungstruppen und Rebellen sind laut internationalen Schätzungen insgesamt 1,6 Millionen Menschen im ganzen Land als sogenannte Binnenflüchtlinge unterwegs. Über zwei Millionen sind bereits in die Nachbarländer geflüchtet.

Größtes Problem in Ave Maria ist derzeit die Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Zwei Pumpen, die zweimal am Tag in Betrieb sind, funktionieren mehr schlecht als recht. Hier bräuchte es laut Pater Avelino dringend eine zusätzliche Wasserleitung von einer Quelle auf das Gelände der Mission. Eigentlich keine große Sache, man müsste nur Gräben graben und Rohre verlegen. Nur: Baumaterial, Ersatzteile, Maschinen, alles muss von außerhalb geliefert werden. Und das gestaltet sich zunehmend schwierig. Entlang der ungeteerten, aber einigermaßen ausgebauten Straße in die Provinzhauptstadt Yambio kommt es immer wieder zu Schießereien, aus Sicherheitsgründen ist sie seit Januar komplett gesperrt. Ausweichrouten sind zwar vorhanden, als Straßen kann man diese allerdings kaum bezeichnen. Allein die Fahrt ins nur rund vierzig Kilometer entfernte Tombura dauert mit Geländewagen gute zwei Stunden. Für umfangreichere Transporte kommen nur geländegängige Lkw infrage – und die sind teuer. Aufgrund der miserablen Straßenverhältnisse sind schon Lkw umgekippt. Während der Regenzeit sind die Straßen sowie komplett unpassierbar.

Mission entwickelt autarkes Eigenleben

Im Lauf der Jahre, durch die momentane Krise noch verstärkt, entwickelte die Mission ein weitgehend autarkes Eigenleben. Bestes Beispiel ist die medizinische Versorgung. Ärzte gibt es kaum mehr im Südsudan, ärztliche Aufgaben übernehmen in Ave Maria zwei gelernte Krankenpfleger, Joseph und George. Die beiden impfen, spritzen, legen Katheter und ziehen Zähne.

Müssen Patienten stationär behandelt werden, werden sie von ihren Angehörigen oft viele Kilometer weit hergebracht, diese bleiben in der Regel auch während der Behandlung in der Krankenstation. Sie schlafen vor den Behandlungsräumen auf dem Boden, sind auch für die Versorgung der Patienten mit Essen und Trinken zuständig. Dazu gibt es im Hof eine Feuerstelle mit Brennholz, auf der gekocht werden kann.

Gekocht wird auch jeden Tag in den Schulen auf der Mission. Für viele Kinder ist das die einzige Chance auf eine warme Mahlzeit, was auch die Eltern zu schätzen wissen. Doch durch die unerwarteten Flüchtlinge platzen die Schulen aus allen Nähten. Die staatliche sowieso schon miserabel ausgestattete Grundschule hatte früher 360 Schülerinnen und Schüler, durch den Zuzug der zum Teil sehr kinderreichen Familien bräuchten mittlerweile über 1000 Kinder einen Grundschulplatz. Und zur Schule zu gehen, ist für Pater Avelino ein Grundbedürfnis. Gerade die vielen Kinder, die durch die schrecklichen Erlebnisse vor ihrer Flucht nach seinen Worten oft schwer traumatisiert sind, bräuchten dringend einen gewissen Schulalltag, um „wieder in eine normale Routine zu kommen“.

Grundschule soll gebaut werden

Die staatliche Grundschule kann das nicht leisten. Zum einen ist die Ausstattung mehr als dürftig, Kinder sitzen auf halbierten Baumstämmen, die rissige graue Tafel lässt sich kaum mehr verwenden, überall liegt Abfall auf dem Boden. Im sogenannten Lehrerzimmer sieht es nicht besser aus. Lehrerinnen und Lehrer haben seit über einem Jahr kein Gehalt mehr gesehen. Weil sie ihre Familien anderweitig ernähren müssen, kommen sie nur noch gelegentlich in die Schule.

Blick in ein Klassenzimmer der Grundschule: Halbierte Baumstämme als Sitze.
Blick in ein Klassenzimmer der Grundschule: Halbierte Baumstämme als Sitze. © Bumeder

Der Südsudan gilt als „failed state“, als „gescheiterter Staat“. Staatliche Strukturen sind praktisch nicht mehr vorhanden. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in das Land und fordert die wenigen dort lebenden Bundesbürger zur Ausreise auf. Beim HDI, einem Index, der die menschliche Entwicklung misst, liegt der Südsudan mittlerweile an letzter Stelle aller Staaten.

Als die Zahl schulpflichtiger Kinder durch den Zustrom an Flüchtlingen in Ave Maria überhandnahm, wurden in Sichtweite der Kirche provisorische Unterstände errichtet. Statt Lehrern unterrichten ältere Schüler der Secondary School, einer Art Gymnasium. Dieses Provisorium soll im kommenden Jahr ein Ende finden, Pater Avelino plant den Bau einer einfachen kirchlichen Grundschule. Und hier kann ein Verein wie der Moosacher „Neue Wege“ einen sinnvollen Beitrag leisten. Dass er keine Schule finanzieren kann, weiß auch Christian Moser. Doch ein Klassenzimmer zu finanzieren, sollte, so der Moosacher, über Spenden durchaus möglich sein.

Mit der neuen Schule verbindet sich auch die Hoffnung auf einen effizienteren Übergang vom Kindergarten der Mission in die weitere Schullaufbahn. Somit könnten, so der Traum, begabte Kinder eines Tages sogar studieren. Der Direktor der kirchlichen „Secondary School“, Boris Sadjue, verweist stolz auf die aktuelle Statistik, aus einem Jahrgang erlangten 28 Schülerinnen und Schüler die Zugangsberechtigung zu einer Universität – theoretisch zumindest. Denn wie lange die angeblich noch arbeitenden Hochschulen in der Bezirkshauptstadt Yambio und der südsudanesischen Hauptstadt Juba noch existieren, weiß niemand.

Impftrupp und Soldaten auf dem Gelände

Wie abseits staatlicher Strukturen selbst ernannte Ordnungshüter Macht ausüben, zeigt sich an einem Zwischenfall im Kindergarten. Während die Kinder gerade ein von den bayerischen Besuchern eingeübtes Kinderlied singen, entsteht am Tor plötzlich Unruhe. Einige Uniformierte dringen ohne Erlaubnis und ohne sich vorzustellen auf das private Gelände vor. Sie begleiten einen Impftrupp, der angetreten ist, Kinder angeblich gegen Polio zu impfen. Und das, ohne die Eltern oder die Kindergartenleitung vorher zu informieren. Wer sie geschickt hat, ist auch auf Nachfragen nicht zu klären. Immer wieder gibt es Gerüchte, nach denen Impfungen für pharmazeutische Versuche durchgeführt würden. Überprüfen lässt sich das nicht. Erst nach längerer Diskussion und hartnäckigem Widerstand durch die Leiterin des Kindergartens, Schwester Lilian, der man sogar androht, sie abzuführen, ziehen Impftrupp und Soldaten wieder ab.

Pater Avelino und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lassen sich durch solche Zwischenfälle nicht entmutigen. Sie wollen weiterhin mit Menschlichkeit auf die allgemeine Trostlosigkeit reagieren. Christian Moser zeigt sich beim Abschied aus Ave Maria überwältigt von den Leistungen der Missionsgemeinschaft, die in einem von der Welt weitgehend vergessenen Krisengebiet, sagt Christian Moser wörtlich, „Zentren der Menschlichkeit und Kontemplation errichtet hat im Einklang mit dem traditionellen Leben der Einheimischen“. Ein Engagement, das im Südsudan für die dort lebenden Menschen enorme Bedeutung hat.

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