36 Tage im Keller, Flucht nach Deutschland, jetzt 8 Tore in 13 Spielen für Stuttgart: Die bewegende Geschichte des ukrainischen Talents Kirill Serdyuk.
Stuttgart – Neun Jahre war Kirill Serdyuk alt, als er seine Karriere bei seinem ersten Fußballverein „Asow-Stal“ begann. Direkt bei seinem Debüt ging es gegen die Fußballakademie Mariupol. Sein Team unterlag mit 2:4, doch er war es, der den Doppelpack schnürte. „In diesem Moment wurde mir endgültig klar, dass Fußball mein Leben ist“, sagte der inzwischen 16-Jährige im Gespräch mit Absolut Fussball, dem Fußballportal von Home of Sports.
.Serdyuk wurde ein halbes Jahr später von der Fußballakademie Mariupol angerufen: „Sie sagten, dass ich großes Potenzial hätte und dass sie mich gerne als Schüler aufnehmen würden, um mich weiterzuentwickeln. Das war damals der schönste Tag meines Lebens.“ Der inzwischen 1,97 Meter große Angreifer erlebte großartige Tage und wurde bei etlichen nationalen Turnieren als bester Stürmer ausgezeichnet.
VfB-Talent war plötzlich im Kriegsgebiet
Am 24. Februar 2022 änderte sich das Leben für ihn und seine ganze Familie. Der Feind aus Russland griff an. Serdyuk erinnerte sich: „Gegen 5 Uhr morgens begann er, die noch schlafende Stadt zu bombardieren. Wir lebten in einem großen neunstöckigen Haus, bei dem durch die Explosion alle Fenster herausflogen. Mein Vater brachte uns in den Flur und sagte, dass Krieg sei, und dass wir das Nötigste nehmen und in den Keller laufen sollten.“
Plötzlich war alles anders für den Teenager, der auch in dieser Zeit nie den Ball aus den Händen ließ: „Dann begannen die schrecklichsten 36 Tage meines Lebens. Der Feind belagerte die Stadt, und es war die Hölle. Unsere Soldaten verteidigten die Stadt gut, und der Feind begann Raketen abzuwerfen, Häuser zu beschießen und Straßenkämpfe zu führen.“ Es war ein reiner Überlebenskampf.
„Wir verbrachten die ganze Zeit im Keller und kochten unser Essen auf offenem Feuer. Eines Abends kam russische Aufklärung in unser Haus und sagte uns, dass wir am Morgen weiße Bänder umbinden und in Richtung der russischen Soldaten gehen sollten, damit wir eine fünfzigprozentige Chance hätten zu überleben“, erzählte Serdyuk. Es glich einem Münzwurf, der über das Schicksal entscheidet.
Der Vater von Kirill Serdyuk und sein älterer Bruder trafen die richtige Entscheidung. Es folgten Verhöre und die sogenannte „Filtration“, eine Einschüchterungsmethode. Ein Freund des Vaters, der in Moskau lebte, nahm die Familie auf. Es folgte die Reise nach Deutschland. Am 9. Mai 2022 kamen sie in Köln an, wo er Fuß fassen wollte.
Dann kam es anders: „Zuerst schickte man uns nach Bochum in ein Verteilungszentrum für Flüchtlinge, von dort nach Gießen, dann nach Alsfeld, dann nach Wetzlar, und schließlich bekamen wir eine dauerhafte Unterkunft in Niederweidbach. So entfernte man mich von guten Fußballvereinen — aber nicht von meinem Traum. Denn wenn Fußball im Herzen ist, kann dich nichts aufhalten.“
Serdyuk war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Kämpfer. Er begann am Gymnasium Deutsch zu lernen und wechselte über den VfB Marburg zur TSG Wieseck, einer mittelhessischen Talentschmiede. Dort entdeckte ihn Raphael Guttmann, der das große Talent vor allen anderen erkannte: „Seitdem gehen wir gemeinsam mit Raphael meinen Fußballweg entlang — wie eine Familie. Er ist ein echter Profi und versteht sein Fach hervorragend.“
Für Serdyuk ging es weiter zum 1. FC Nürnberg – eine Zwischenstation. Im Sommer 2025 landete der Kapitän der ukrainischen U17-Nationalmannschaft beim VfB Stuttgart. Seine Bilanz nach sechs Monaten bei den Schwaben: acht Tore in 13 Partien in der Nachwuchsliga. Die Spielweise des Juwels erinnert stark an Nick Woltemade. Vergleiche sind schwierig zu ziehen.
Bei Serdyuk ist schnell zu erkennen, in welche Richtung seine Entwicklung gehen kann. Er hat an seinem Kopfballspiel gearbeitet, ist sehr mobil, im Sechzehner trotz seiner Größe wendig und kaum vom Ball zu trennen. Vor allem ist Serdyuk unglaublich lernwillig und ehrgeizig. Er lebt seinen Traum und will ganz oben landen.
Kirill Serdyuk musste früh in seinem Leben das Kämpfen und Beißen lernen. Er hatte wochenlang keinen geregelten Alltag, die Angst vor dem Feind war ständiger Begleiter. Die Liebe zum Fußball hat ihn immer angetrieben – und daran hat sich auch jetzt nichts geändert: „Ich bin Deutschland sehr dankbar dafür, dass dieses Land uns aufgenommen hat und mir die Chance gegeben hat, den Traum meines Lebens zu verwirklichen — ein Top-Stürmer zu werden. Ich liebe diesen Sport und werde alles — und sogar mehr — tun, damit mein Traum wahr wird.“