"Wir streiten an Weihnachten nicht" – Warum der Pakt die Partnerschaft gefährden kann

"Wir streiten an Weihnachten nicht." Psychologisch spricht man von einem Silence Agreement, einem stillen Vertrag. Er soll Harmonie sichern, schützt aber in Wahrheit oft nur die Oberfläche. Darunter sammelt sich das Ungesagte, Ungelebte, Unentschiedene – bis es sich Bahn bricht. Nicht selten zwischen den Jahren oder im Januar.

Silence Agreements entstehen aus guten Motiven: Rücksicht auf die Kinder, Angst vor Eskalation, der Wunsch nach einem „schönen Fest“. Doch sie haben einen Preis. Sie verschieben Konflikte, statt sie zu lösen. Und sie können bestehende Beziehungskrisen vertiefen, weil sie Nähe durch Funktionieren ersetzen.

Besonders gefährlich sind diese stillen Verträge in Übergangsphasen – etwa dann, wenn Paare nach vielen Jahren der Elternrolle plötzlich wieder auf sich selbst zurückgeworfen sind. Das sogenannte Empty-Nest-Syndrom bringt oft verdrängte Fragen an die Oberfläche: Wer sind wir eigentlich noch als Paar? Was verbindet uns, wenn die Kinder nicht mehr da sind? Und will ich mit diesem Menschen alt werden?

Dr. med. Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München. Als Psychodramatherapeut, Autor und Beziehungsexperte der Plattform „50plus-Treff.de“ begleitet er Menschen in Einzel-, Paar- und Gruppentherapien. Er ist Teil unseres Experts Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.

„Bitte nicht jetzt. Nicht an Weihnachten.“

Sabine ist 52 Jahre alt, Thomas 58 (Namen geändert). Sie haben wwei Kinder, 21 und 19 – beide seit wenigen Monaten ausgezogen. Die Wohnung ist größer geworden, die Abende länger, die Gespräche kürzer. Sabine spürt seit einiger Zeit eine innere Unruhe. Früher konnte sie diese Gedanken wegschieben – Termine, Schulstress, Familienorganisation. Jetzt ist da Stille. Und in dieser Stille wächst eine Frage, die sie selbst erschreckt: Will ich mit diesem Mann den Rest meines Lebens verbringen?

Thomas ahnt, dass etwas nicht stimmt. Sabine ist gereizter, zieht sich zurück, vermeidet Nähe. Er reagiert mit Pragmatismus, vielleicht auch mit Verdrängung. „Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, müssen wir uns doch erst mal neu sortieren“, sagt er. Sabine hört darin: Bitte stell nichts infrage.

Als Weihnachten näher rückt, kommen die Kinder wieder nach Hause. Volles Haus, alte Rituale, vertraute Rollen. Thomas sucht das Gespräch – allerdings nicht über die Beziehung, sondern über einen Deal. „Sabine, bitte“, sagt er eines Abends, „lass uns Weihnachten ruhig halten. Keine Grundsatzdiskussionen. Nicht vor den Kindern. Nicht jetzt.“

Sabine weiß sofort, was er meint. Und sie stimmt zu. Nicht ausdrücklich, aber innerlich. Sie nickt. Ein Silence Agreement ist geschlossen.

Die Feiertage verlaufen äußerlich harmonisch. Gemeinsames Kochen, alte Witze, Familienfotos. Die Kinder scheinen zufrieden, vielleicht sogar erleichtert, dass alles „noch so ist wie früher“. Sabine funktioniert. Sie lächelt, hört zu, stellt keine Fragen. Thomas ist dankbar für die Ruhe, fast erleichtert.

Doch innerlich passiert etwas anderes. Sabine spürt, wie sich ein Knoten in ihr zusammenzieht. Jeder unterdrückte Gedanke, jedes nicht ausgesprochene Gefühl verstärkt ihre innere Distanz. Sie fühlt sich unsichtbar – nicht nur vor den Kindern, sondern auch vor sich selbst. Thomas wiederum interpretiert das friedliche Fest als Beweis, dass „es ja eigentlich geht“.

Als die Kinder nach Neujahr wieder abreisen, bleibt eine Leere zurück – und eine Spannung, die sich nicht mehr überdecken lässt. Wenige Tage später eskaliert ein scheinbar banaler Streit. Es geht um Kleinigkeiten, doch die Wucht überrascht beide. Sabine weint, Thomas ist fassungslos. Das, was an Weihnachten nicht gesagt werden durfte, drängt jetzt ungebremst nach draußen.

Die psychologische Dynamik hinter dem stillen Vertrag

Silence Agreements erzeugen eine trügerische Sicherheit. Sie suggerieren Kontrolle über Konflikte, verhindern aber echte Auseinandersetzung. Besonders in Lebensphasen des Umbruchs wirken sie wie ein Deckel auf einem kochenden Topf. Der Druck steigt – leise, aber stetig.

Für Paare im Empty-Nest-Prozess ist das besonders heikel. Die Kinder waren oft jahrelang emotionaler Puffer und Sinnstifter. Fallen sie weg, wird die Paarbeziehung zum zentralen Spiegel. Stille Verträge verhindern in dieser Phase nicht den Konflikt, sondern die notwendige Neuverhandlung der Beziehung.

Weihnachten wirkt dabei wie ein Brennglas: emotional aufgeladen, voller Erwartungen, verbunden mit biografischen Erinnerungen. Der Wunsch nach Harmonie ist verständlich – aber er darf nicht auf Kosten der inneren Wahrheit gehen.

Echte Vorbeugung gegen Streit bedeutet nicht Schweigen, sondern bewusstes Verschieben mit klarer Vereinbarung: Wir reden – aber zu einem vereinbarten Zeitpunkt, mit Raum und Struktur. Alles andere ist kein Frieden, sondern ein Aufschub.

Manchmal ist der mutigste Schritt vor Weihnachten nicht der stille Vertrag, sondern der leise, ehrliche Satz:

„Ich halte das nicht mehr aus – aber ich möchte einen guten Rahmen dafür finden.“