Die Teilzeit-Falle: Warum viele Frauen bis zur Rente nicht mehr rauskommen

Wissenschaftliche Studien zeigen: Der Einstieg in Teilzeit folgt häufig direkt rund um die Geburt eines Kindes. Was als pragmatische Lösung gedacht ist, verfestigt sich über die Jahre.

Die Soziologin Carla Rowold hat vollständige Erwerbs- und Familienbiografien ausgewertet. Ihr Befund: Teilzeit erleichtert zwar in den Job zurückzukommen, aber ein Großteil der Frauen kehrt später nicht mehr in eine vollzeitnahe Beschäftigung zurück, sondern bleibt bis zum Renteneintritt in reduzierter Arbeitszeit: „Teilzeiterwerbstätigkeit ebnet also für Frauen den Weg zurück in den Arbeitsmarkt, wird dann aber in der Tat oft zur Teilzeitfalle“, erklärt die Forscherin gegenüber FOCUS online. Das Risiko Altersarmut ist dann nicht mehr weit.

Besonders problematisch ist laut Rowolds Forschung offenbar die Kombination aus Erwerbsunterbrechung und anschließender Teilzeit. Diese Konstellation wirkt langfristig deutlich negativer auf Einkommen und Rente als kurze Unterbrechungen allein. 

Warum Teilzeit doppelt bestraft wird

Teilzeit bedeutet nicht einfach nur eine reduzierte Anzahl der Arbeitsstunden. Sie geht häufig auch mit einem niedrigeren Stundenlohn einher. Die Ökonomin Alexandra Niessen-Ruenzi von der Universität Mannheim spricht von einem doppelten Effekt: weniger Arbeitszeit und gleichzeitig schlechtere Bezahlung pro Stunde. „Teilzeit ist doppelt teuer: Sie bedeutet nicht nur weniger Stunden, sondern auch einen Stundenlohnabschlag“, erklärt die Expertin.

Dieser Effekt wirkt über Jahrzehnte. Wer langsamer verdient, steigt seltener auf, zahlt weniger Beiträge in die Rentenkasse ein und kann auch weniger privat vorsorgen. Das Ergebnis zeigt sich erst viel später, dann aber umso deutlicher.

Der Effekt auf die Rente ist messbar

Wie stark Teilzeit die spätere Altersvorsorge beeinflusst, lässt sich inzwischen auch beziffern. Rowolds Auswertungen zeigen: Ein relevanter Teil der Rentenlücke zwischen Frauen und Männern ist allein darauf zurückzuführen, dass Mütter nach der Geburt häufiger in Teilzeit arbeiten als Väter. 

Konkret entfallen mehrere Prozentpunkte der Rentenlücke – sowohl in der gesetzlichen Rente als auch in der betrieblichen und privaten Vorsorge – auf diesen Mechanismus. Und: Diese Effekte lassen sich später kaum noch ausgleichen, weil sie sich über das gesamte Erwerbsleben hinweg addieren.

Laut Rowold erhalten Frauen in Westdeutschland im Ruhestand im Schnitt 62 Prozent weniger Rente als Männer. Das umfasst gesetzliche, betriebliche und private Altersvorsorge. In Euro bedeutet das: 13.500 Euro weniger pro Jahr. Zum Vergleich: In Ostdeutschland liegt die Rentenlücke bei etwa 24 Prozent – also deutlich geringer. 

Warum so wenige Frauen aus der Teilzeit zurückkehren

Dass Teilzeit für viele zur Sackgasse wird, liegt nicht an individuellen Fehlentscheidungen, sondern an strukturellen Anreizen. Mehrere Faktoren greifen ineinander: Das Ehegattensplitting macht einen zusätzlichen Verdienst in der Ehe oft unattraktiv, insbesondere dann, wenn ein Partner bereits gut verdient.

Die unzureichend ausgebaute ganztägige Kinderbetreuung, vor allem im Schulalter, erschwert vollzeitnahe Arbeit.

Elternzeitregelungen setzen weiterhin Anreize, dass Mütter den Großteil der Sorgearbeit übernehmen.

Rowold weist darauf hin, dass diese Rahmenbedingungen dazu führen, dass sich Paare im Alltag rational verhalten, langfristig aber erhebliche Nachteile entstehen, vor allem für Frauen.

Ost-West-Vergleich zeigt: Es geht auch anders

Ein Blick nach Ostdeutschland macht deutlich, dass die Teilzeitfalle kein Naturgesetz ist. Dort sind die Geschlechterunterschiede in den Erwerbsbiografien deutlich geringer. Frauen kehren häufiger in vollzeitnahe Beschäftigung zurück und entsprechen stärker dem sogenannten „männlichen Standardlebensverlauf“, den das Rentensystem besonders gut honoriert.

Rowold erklärt diesen Unterschied damit, dass Frauen im Osten „zu einem weitaus geringeren Anteil in den schlecht honorierten ‚weiblichen‘ Lebensverläufen“ zu finden sind, während sie häufiger durchgängige Erwerbsbiografien aufweisen. Die geringere Rentenlücke im Osten hat allerdings auch eine zweite Ursache: Die durchschnittlichen Renten der Männer liegen dort insgesamt niedriger als im Westen.

Was Frauen konkret tun können und wo die Grenzen liegen

Individuelle Entscheidungen können Risiken abfedern, sie aber nicht vollständig ausgleichen. Expertinnen raten dennoch dazu,

  • Teilzeit möglichst zeitlich klar zu begrenzen,
  • frühzeitig zu prüfen, ob eine Rückkehr in vollzeitnahe Arbeit realistisch ist,
  • eigene Rentenansprüche regelmäßig zu überprüfen
  • und so früh wie möglich mit privater Vorsorge zu beginnen, auch mit kleinen Beträgen.

Niessen-Ruenzi empfiehlt jungen Frauen ausdrücklich, frühzeitig Kapitalmarkt-Investitionen in Betracht zu ziehen: „Fangt heute an für das Alter vorzusorgen, eröffnet ein Depot und beginnt am Aktienmarkt zu investieren, es geht auch mit ganz kleinen Beträgen und es ist wesentlich einfacher als ihr vielleicht denkt.“

Gleichzeitig betonen beide Forscherinnen: Private Vorsorge kann strukturelle Nachteile nicht vollständig kompensieren. Wer über Jahre in Teilzeit arbeitet, wird diese Einbußen auch mit Disziplin und Sparsamkeit nur begrenzt aufholen können.