Der norwegische Verein FK Bodö/Glimt stammt aus einer 43.000-Einwohner-Kleinstadt nördlich des Polarkreises, ins Fußballstadion von Borussia Dortmund passen fast doppelt so viele Menschen. Trotzdem trennten sich beide Klubs am Mittwochabend in der Champions League mit 2:2, eine Blamage für den BVB.
Hinterher trat Kapitän Nico Schlotterbeck ans DAZN-Mikrofon. Die gepfefferten Aussagen, die er dort fabrizierte, mochten auch der Emotion geschuldet sein, wirkten allerdings weder überhastet noch unkontrolliert.
Nico Schlotterbeck watscht BVB-Einwechselspieler ab: „Sie verlieren jeden Ball“
Schlotterbeck holte aus: „Wir können hier auf 13 Punkte gehen, und ich glaube, manchen ist nicht bewusst, wie wichtig das ist. Deswegen ist es nicht bitter, sondern einfach richtig schlecht. Wir fangen nach dem 1:0 an, extrem fahrig zu spielen, unfassbar schlechte erste Kontakte zu haben. Jeder spielt so ein bisschen sein Spiel.“
Das Bemerkenswerteste an einem bemerkenswerten Interview: Schlotterbeck richtete seine Schelte auch explizit an die BVB-Einwechselspieler, ohne die nach 67 Minuten gebrachten Karim Adeyemi und Serhou Guirassy beim Namen zu nennen.
„Die Spieler, die reinkommen, verlieren jeden Ball“, schimpfte er. „Wenn man reinkommt, erwarte ich 30 Minuten Volldampf. Das sah dann alles schön aus, wir haben ein bisschen rechts, links kombiniert. Aber Winner-Mentalität ist auch mal, das Spiel zu killen. Das haben wir gar nicht hinbekommen.“
Schlotterbecks Abrechnung ist genial, weil sich so etwas kaum jemand mehr traut
Schlotterbecks Abrechnung ist so genial, weil in heutigen (Fußball-)Zeiten ja die meisten vor vergleichbaren Ausbrüchen zurückschrecken. Wehmütig denken alle, die es erleben durften, deshalb an die späten 80er, goldenen 90er und frühen 00er Jahre.
In der Prä-Social-Media-Ära, teils sogar vor Entstehung des Internets, legten die Protagonisten weit weniger Wert auf den Donnerhall, der auf sie einzustürzen droht, wenn sie es wagen, aus dem braven Raster der immer gleichen Floskeln und Binsen auszubrechen.
Wir haben uns die Welt selbst geschaffen, wie sie jetzt ist. Und brauchen uns wirklich nicht wundern oder gar beschweren, wenn Fußballspieler lieber mit angepassten Baukastensätzen hantieren, um nicht zum Zentrum des digitalen Sturms zu werden.
Daum gegen Heynckes, Matthäus gegen den Schiri, Effenberg gegen die „Freunde der Sonne“
Früher war das anders. 1989 etwa, als sich Christoph Daum erst mit Jupp Heynckes anlegte („Er kann Werbung für Schlaftabletten machen“, „Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit ihm“) und sich dann bei einer Gegenüberstellung mit Uli Hoeneß fetzte. Live im ZDF. Beste Samstagabendunterhaltung.
Ein völlig aufgebrachter Lothar Matthäus marschierte 1994 in Karlsruhe quasi mit Kamera vom Spielfeldrand in den Kabinengang, während er dem Schiedsrichter gar nicht mal subtil Parteilichkeit vorwarf: „Er muss eine super Prämie bekommen haben vom KSC! So ein Beschiss, du wirst noch um alles gebracht!“
Der elegante Mister Giovanni Trapattoni haute 1998 buchstäblich mit der Hand auf den Tisch, als ihn das Dauermosern seiner Superstars so entnervte, dass er die Egos und Eitelkeiten nicht länger ertrug: „Schwach wie Flasche leer!“
Stefan Effenberg arbeitete sich 1999 an den „Freunden der Sonne“ ab („Ich bin einer, der lässt sich das nicht gefallen“). Oder Oliver Kahn, der 1996 in Bremen apokalyptisch eine „Schande“ für den FC Bayern ausmachte. Oder Kahn, der 2003 auf Schalke seinen „Eier, wir brauchen Eier“-Aphorismus kreierte. Oder Kahn, der… Der Punkt müsste klar geworden sein.
Natürlich Franz Beckenbauer, der selbst Tiraden so nonchalant vefranzelte, dass es am Ende immer irgendwie hieß: ja mei, der Kaiser… 2001 krakeelte er von der „Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft“, drei Monate später waren die Bayern neuer Champions-League-Sieger.
DFB-Teamchef Rudi Völler stritt sich mit ARD-Moderator Waldemar Hartmann 2003 in Island über den „noch tieferen Tiefpunkt“ der Nationalmannschaft und rief in den heiligen Öffentlich-Rechtlichen: „Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören!“ Ein Ausbruch, der Kult wurde.
Schlotterbeck darf das – das zeigte allein Adeyemis selbstkritische Reaktion
Alles lange her. Heute stutzen wir bei Nico Schlotterbeck sofort, vermutlich ist es eine Melange aus Überraschung und Dankbarkeit. Zumal er nichts falsch machte.
Das verdeutlichte allein die Reaktion des adressierten Adeyemi, der sich einsichtig wie selbstkritisch gab: „Von mir war es eines der schlechtesten Spiele der Saison. Das war nichts.“
Als Dortmunder Führungskraft hat Nationalspieler Schlotterbeck, 26, inzwischen den Mut, die sportliche Klasse und den innerbetrieblichen Status, dass er sich nicht scheuen muss, unbequeme Wahrheiten in unbequeme Worte zu packen. Wenn es sein muss, in der Öffentlichkeit. Am Mittwoch fand er: Es musste sein.
Gut so! Und gerne öfter.