„Autofahrer wird zum Bösen erklärt“: 120 Meter Straße lösen Glaubenskrieg um Verkehrspolitik aus

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Die Sperrung eines Straßenabschnitts für Pkw löst im Regensburger Stadtrat eine heftige Debatte um die Verkehrspolitik aus. Ein Thema im beginnenden Wahlkampf.

Regensburg - Michael Lehner schwankt zwischen offenem Ärger und stiller Genugtuung. „Macht nur weiter so“, sagt der Chef der CSU Regensburg. „So viel Feindlichkeit gegenüber dem Autofahrer ist nur Wasser auf unsere Mühlen.“ Das Vorgehen der Stadt sei „unbeschreiblich“. Der Autofahrer werde „zum Bösen“ erklärt. Bewohner der Margaretenau müssten künftig „kilometerlange“ Umwege in Kauf nehmen.

Für Hauptradroute: Schleichweg für Autos soll gesperrt werden

Kürzlich tagte der Planungsausschuss des Regensburger Stadtrats. Die Debatte zeigte, wo die Fronten in der künftigen Verkehrspolitik verlaufen. Anlass: 120 Meter Straße.

Die Georg-Herbst-Straße, ein einspuriger Abschnitt von vier Metern Breite, dient Autofahrern als legaler Schleichweg zwischen Margaretenau und Dechbettener Brücke. Ampeln regeln den Gegenverkehr. Doch der schmale, abmarkierte Streifen von einem Meter Breite macht die Passage für Radfahrer, Rollstuhlfahrer und Menschen mit Kinderwagen unsicher.

Die Georg-Herbst-Straße im Westen von Regensburg.
Die Georg-Herbst-Straße im Westen von Regensburg. © Stefan Aigner

„Allein schon deswegen gibt es Handlungsbedarf“, heißt es in der Beschlussvorlage. Doch es geht um mehr. Die Georg-Herbst-Straße ist Teil des Regensburger Radroutennetzes, das der Stadtrat 2019 mit dem Radentscheid und 2022 mit konkreten Plänen einstimmig beschlossen hat.

Bisherige Verkehrsführung: Nicht sicher und unattraktiv

Die Hauptradroute 5 (rr05) führt von der neuen Radbrücke in Sinzing über Großprüfening, den Bahnhof Prüfening und das Neubaugebiet Dörnberg zum Hauptbahnhof. Von dort geht es weiter ins Candis-Viertel, zum Hohen Kreuz und zur Siemensstraße – möglichst kreuzungs- und ampelfrei, abseits des motorisierten Verkehrs. An anderen Stellen wurden bereits Umbauten umgesetzt. Insgesamt sind 18 Hauptradrouten mit 172 Kilometern geplant.

Doch in Prüfening gibt es Probleme. Die Georg-Herbst-Straße schreckt Radfahrer ab: Ampeln, lange Wartezeiten, wenig Attraktivität. Die Verwaltung prüfte mehrere Lösungen.

Verlegung der Hauptradroute birgt Gefahren und hohe Kosten

Erste Option: Verlegung der Hauptradroute auf den Radweg an der Prüfeninger Straße. Doch die Radwege dort sind zu schmal, Überholen unmöglich. Parkende Autos am Fahrbahnrand bergen Dooring-Gefahr, die Gehwege sind ebenfalls zu eng. Hinzu kommen zahlreiche Einmündungen, Grundstückszufahrten und Konflikte mit Elterntaxis zur Kreuzschule. 2023 gab es acht Unfälle mit leicht verletzten Radfahrern – eine auffällige Häufung. Umbauten wären aufwendig und erst langfristig realisierbar.

Zweite Option: Verbreiterung der Georg-Herbst-Straße. Doch die Eigentumsverhältnisse und der enge Raum machen das kaum umsetzbar. Der Aufwand und die Kosten wären unverhältnismäßig. Die Verwaltung schlägt daher vor, die Georg-Herbst-Straße für Pkw zu sperren. Für Lkw ist sie bereits gesperrt.

CSU-Chef gibt Schutzengel der Autofahrer

Während die meisten Fraktionen zustimmen, reagiert Michael Lehner mit einer Tirade. „Ich weiß gar nicht, wem ich danken soll, dass immer mehr Autofahrer so verärgert werden, dass sie – glaube ich – etwas ändern wollen in dieser Stadt“, poltert der CSU-Chef. Die Maßnahme sei eine „ähnliche Heldentat wie beim Hauptbahnhof“. Bald müsse man sich „schämen, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren“.

Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer widerspricht. Sie erinnert an die Debatten um den Bau der Klenzebrücke und die Verlängerung der Lessingstraße, die Ende 2021 fertiggestellt wurde. „Damals war ein Hauptargument der Margaretenau-Bewohner, dass die Klenzebrücke gebaut werden muss, um Schleich- und Querungsverkehre durch die Margaretenau zu verhindern“, sagt sie. Manche hätten sogar vorgeschlagen, die Dechbettener Brücke komplett dem Radverkehr zu widmen.

„Ideologiekeule“: Andere Stadträte kritisieren CSU

„Kilometerlange Umfahrungen sind nicht nötig“, betont sie. Es gebe mehrere Wege, die Margaretenau von beiden Seiten zu erreichen. „Niemand wird abgeschnitten.“ Die Verbindung über die Georg-Herbst-Straße sei ohnehin unattraktiv. Brücke-Stadtrat Florian Rottke nennt Lehners Äußerungen eine „Ideologiekeule“. „Das ist ein Paradebeispiel dafür, warum wir bei den Hauptradrouten so langsam vorankommen. Jede kleine Maßnahme, jeder Parkplatz wird zum Streitfall, und die CSU startet jedes Mal einen Aufschrei.“

Nur die CSU stimmt dagegen

Ähnlich äußern sich Kerstin Radler (Freie Wähler), Benedikt Suttner (ÖDP) und Klaus Rappert (SPD). Rappert weist darauf hin, dass die Behauptung, der Hauptbahnhof sei nicht mehr erreichbar, schlicht falsch sei. Man könne lediglich nicht mehr queren.

Thomas Thurow (Brücke) ergänzt: „Die CSU muss mit den Konsequenzen des von ihr mitbeschlossenen Radentscheids umgehen.“ Hans Teufl (Grüne) fügt hinzu: „Wenn manche uns autofeindlich nennen, sollten sie bedenken, dass wir freundlich zu den Bewohnern der Margaretenau sind.“ Michael Lehner schweigt. Er murmelt nur, man könne das auch anders sehen. Die Umwidmung der Georg-Herbst-Straße wird gegen die Stimmen der CSU beschlossen. Ob die Maßnahme umgesetzt wird, entscheidet der nächste Stadtrat.