Ein Dorfchor verstummt: Liederkranz Schäftlarn löst sich nach 112 Jahren auf

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Der „Männergesangverein Liederkranz“: 1913, bei seiner Gründung, waren die Herren noch unter sich. Erst 60 Jahre später durften auch Frauen eintreten. © Männergesangverein Liederkranz

Wegen Nachwuchsmangels endet die Geschichte des traditionsreichen Chors. Die zehn verbliebenen Sänger wollen aber weiter Freunde bleiben.

Der Schritt fällt der Vorstandschaft nicht leicht – aber „wir sehen keine andere Möglichkeit“, so Vereinsvorsitzender Hans-Georg Rosen. Der 112 Jahre alte Liederkranz Schäftlarn steht vor seiner Auflösung. Am Dienstag wurde bei einer außerordentlichen Versammlung das Ende beschlossen.

Es war einmal: Hans-Georg Rosen (re.) mit Chorleiter Rainber Strobl, der 2022 sein 50-jähriges Jubiläum als Dirigent des Liederkranzes feierte.
Es war einmal: Hans-Georg Rosen (re.) mit Chorleiter Rainber Strobl, der 2022 sein 50-jähriges Jubiläum als Dirigent des Liederkranzes feierte. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Gegründet wurde der Gesangverein 1913 als reiner Männerchor unter der musikalischen Leitung von Hans Scherer und dem Vorsitz von Josef Batz. Doch schon ein Jahr später mussten die Proben schon wieder eingestellt werden, da fast alle Sänger zu Kriegsbeginn eingezogen worden sind. „Also fingen sie später wieder von vorne an, organisierte Konzerte und Theaterabende“, erzählte Rosen. „Das Gesellige nahm einen großen Stellenwert ein.“ 1920 gab es sogar eine Fahnenweihe mit Festwagen und Ehrenjungfrauen. Fahnenmutter war die Kapuzinerwirtin und spätere Ehrenmitglied Anna Bauer. Dann kam der Zweite Weltkrieg und erneut mussten die Männer an die Front ziehen. Rund zehn Jahre später gab es wieder 45 Aktive, die sich mit anderen Gesangsvereinen beispielsweise beim Kreissingen maßen.

1970 stand der Verein wegen Mitgliedermangels wieder kurz vor der Auflösung. „Um den Liederkranz zu retten, beschlossen die Mitglieder, auch Frauen zuzulassen“, erklärte Rosen. Eine der ersten Sängerinnen war übrigens Ehefrau Helga Rosen. Die Entscheidung erwies sich als absolut richtig: Der Verein war aktiv wie nie zuvor. Mit ihren zahlreichen Auftritten bereicherten sie das Gemeindeleben außerordentlich und nahmen sogar mit einem „Schäftlarner Liederschiff“ am örtlichen Faschingsumzug teil.

2013 machte sich der Vorstand zusammen mit Chorleiter Rainer Strobl erneut Gedanken um das Fortbestehen des Liederkranzes. „Es fehlte einfach an Nachwuchs“, sagte er damals, zeigte aber auch Verständnis. „Es gibt immer mehr Freizeitangebote und auch die Familie soll nicht zu kurz kommen.“ Letztendlich sind es heute zehn aktive Sänger, die im Durchschnitt 84,6 Jahre alt sind. Dazu kommt noch, dass der Chorleiter seinen Wohnsitz von Geretsried nach München verlegen will. „Ich glaube nicht, dass wir noch die Chance haben, einen Nachfolger zu finden.“

Ganz an den Nagel hängen wollen die Mitglieder das Singen auch nicht. „Wir wollen uns auch ohne Verein treffen“, sagt Rosen. „Über all die Jahre haben sich viele soziale Kontakte und Freundschaften entwickelt. Das gibt man doch auch nicht so einfach auf.“