„Es gibt so viele Momente, da fehlt er einfach": Eine Familie aus Dachau trauert um Mann und Vater

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Ein leerer Platz am Tisch: Familie S. aus Dachau trauert um Vater. © dn

Christiane S. verlor ihren Mann bei einem Verkehrsunfall. Nun muss sie mit ihren Kindern einen neuen Alltag finden.

„Es gibt so viele Momente, da fehlt er einfach.“ Christiane S., 38 Jahre alt, hat vor zwei Monaten ihren Mann Alexander verloren. Ihre Tochter M. (7) und ihr Sohn J. (4) ihren Papa. Der 41-Jährige starb plötzlich, mitten im Alltag, bei einem Verkehrsunfall auf dem Heimweg von der Arbeit. Ein Augenblick – und nichts war mehr wie zuvor.

Alexander S. war Landschaftsgärtner bei der Stadt München. An sommerlichen Tagen fuhr er stets mit dem Roller von Dachau nach München. An diesem Donnerstagnachmittag im Oktober wunderte sich Christiane S. „Eigentlich hätte er an diesem Tag wie immer Lebensmittel beim Kaufland retten sollen, aber sein Auto stand nicht dort.“ Sie fuhr nach Hause und begann Kisten zu packen – am Wochenende sollte der Umzug von Dachauer-Ost ins neue Haus stattfinden. „Ich dachte, dass er vielleicht schon zum Haus gefahren ist.“ Sie rief ihn auf dem Handy an, erreichte ihn jedoch nicht. Eine innere Unruhe stieg in ihr auf. „Hoffentlich muss ich nicht die Polizei anrufen“, dachte sie noch. In diesem Moment klingelte es – die Polizei stand vor der Tür, begleitet vom Kriseninterventionsteam.

Aus dem Leben gerissen: Familienvater stirbt bei Verkehrsunfall

„Die Polizisten erklärten mir, dass mein Mann einen Unfall hatte und ins Krankenhaus Bogenhausen geflogen wurde.“ Die Notfallseelsorger blieben, nachdem die Polizei gegangen war, riefen im Krankenhaus an. Der Arzt berichtete, dass Alexander S. 15 Minuten lang reanimiert worden war. Christiane S., selbst Logopädin, wusste sofort, was das für das Gehirn bedeutet – „und was auf mich zukommt“. Gemeinsam mit ihren Schwiegereltern, ihrem Bruder und ihrem Schwager machte sie sich auf den Weg ins Krankenhaus. Die Kinder waren an diesem Abend bei ihren Eltern in Holzkirchen.
Auf der Fahrt ins Krankenhaus wurde ihr Kopf „unendlich schwer“. Als Erste durfte sie zu ihrem Mann ins Zimmer. Er war hirntot, sein Körper nur noch durch Maschinen am Leben gehalten. „Nachdem wir gegangen sind, wurden die Blutwerte schlechter. Dann wurden die Geräte abgeschaltet.“ Christiane S. wollte zu ihren Kindern, zu ihren Eltern. Auch ihre Schwester war bereits aus Graz auf dem Weg.

Warum wir? Das ist so gemein vom Schicksal.

Am nächsten Morgen erklärte sie ihren Kindern das eigentlich Unerklärliche: dass ihr Papa gestorben ist. „Die Große hat bitterlich geweint“, erzählt Christiane S. „Der Kleine war zuerst ganz still, dann hat er auch geweint. Und sie hatten viele Fragen.“

Auch Christiane S. selbst quälen seitdem Fragen, auf die es niemals eine Antwort geben wird. „Warum jetzt schon? Warum ich? Warum wir? Das ist so gemein vom Schicksal.“ Und sie denkt immer wieder an den Unfall. Laut Polizei fuhr Alexander S. zu schnell auf einen stehenden Lastwagen auf, zwischen Karlsfeld und Dachau, an der Kreuzung zum Wettersteinring. Jemand, der eher immer zu langsam fuhr, sagt seine Frau. „Warum fuhr er ausgerechnet dort zu schnell?“ Hat er gesehen, was vor ihm lag? Welche Gedanken gingen ihm durch den Kopf? „Er hatte in den Tagen davor schlecht geschlafen. Der Umzug, die Finanzen – all das hat ihn beschäftigt. Hätte ich das sehen und ihm mehr abnehmen müssen?“

Wie die Familie den Tod verarbeitet

Der Alltag lenkt sie von solchen Gedanken ab: die Kinder versorgen, sie in Kindergarten, Schule und zu Freizeitaktivitäten bringen – und auch die Arbeit tut der Logopädin gut. „Aber danach holt es mich eben wieder ein.“ Besonders in neuen Momenten, „da fehlt er einfach“.

Ein Eintrag im Erinnerungsbuch: Die siebenjährige Tochter schreibt immer wieder ihre Gedanken an den Papa auf.
Ein Eintrag im Erinnerungsbuch: Die siebenjährige Tochter schreibt immer wieder ihre Gedanken an den Papa auf. © dn

Was Christiane S. hilft, ist das Schreiben – nicht täglich, aber immer wieder ein paar Sätze, Gedanken, Erinnerungen in ein kleines Büchlein. Auch Tochter M. wollte ein eigenes Büchlein. „Papa hat gern karierte Hemden angehabt“, steht dort. Oder: „Papa hat am Wochenende gern ein Marmeladenbrot zum Frühstück gegessen.“ Der vierjährige J. spricht inzwischen viel im Kindergarten über seinen Papa. Neulich hat er ein Herz gemalt, sein erstes – für den Papa. Er stellt sich vor, dass der Papa nun fliegen kann. „Er kommt jetzt überall hin, wo er hin will“, habe J. erklärt. Vor der Beerdigung gestalteten sie gemeinsam den Sarg, bemalten ihn und beklebten ihn mit Fotos. „Das war gut für die Kinder – und auch für mich, um noch einmal Abschied zu nehmen.“

Ein Platz für Papa bleibt immer frei

Heute binden Christiane S. und ihre Kinder den Papa in ihren Alltag ein. Beim Frühstück oder Abendessen deckt die kleine Familie immer einen zusätzlichen Teller für ihn. Dann überlegen sie, was er jetzt gern gegessen hätte. Und wenn Christiane S. mit ihren Kindern im Bett kuschelt, sagt sie: „Rutscht mal, wir machen noch einen Platz für Papa frei.“
Unterstützung erhält die 38-Jährige von ihren Eltern und Schwiegereltern, ihren Geschwistern, Schwager und Schwägerin, von vielen Freunden und vom Team des Kinderhauses St. Hildegard. Den Umzug hat sie vorerst abgeblasen, sie bleibt mit den Kindern in der Wohnung. „Ich habe den Kindern jetzt das größere Schlafzimmer gegeben.“ Sie braucht Zeit – auch, um Zahlen zu kennen und zu wissen, wie viel Geld ihr künftig zur Verfügung stehen wird. „Außerdem weiß ich gerade gar nicht, wo ich hingehöre.“

Auf dem Esstisch steht ein gerahmtes Porträtfoto ihres Mannes, daneben brennt eine Kerze. „Er war immer für alle da. Wer Unterstützung brauchte, dem hat er geholfen.“ Alexander S., der in Olching aufwuchs, war er für jeden Spaß zu haben, besonders mit den Kindern. Wichtig war ihm der Camping-Sommerurlaub in Italien, bestens ausgestattet mit allem, „und da haben wir es uns immer gut gehen lassen“.

Die Familie hatte sich so sehr auf den Umzug ins Eigenheim gefreut, darauf, es sich in der Adventszeit schön einzurichten. „Es war sein Wunsch, Weihnachten einmal nur zu viert zu feiern.“ Darum möchte Christiane S. dieses Jahr nur zu dritt feiern – wobei der Papa am Christbaum bestimmt trotzdem einen Platz bei seinen Liebsten haben wird.

Die Kette der helfenden Hände

Die „Kette der helfenden Hände“ hat Christiane S. mit einer kleinen Spende unterstützt, um ihr im ersten Moment etwas Last zu nehmen und sie bei den Kosten der Beerdigung zu entlasten. Wer spenden möchte, findet alle Informationen im Logo.

Die Kette der helfenden Hände spendet für Menschen in Not.
Die Kette der helfenden Hände spendet für Menschen in Not. © dn
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