Im Schatten Leni Riefenstahls: „Stahltier“ in Landsberg

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Regisseurin Leni Riefenstahl mit Joseph Goebbels, gespielt von Jacqueline Macaulay und Wolfram Koch, in Albert Ostermaiers „Stahltier“. © Greiner

Willy Zielke galt als genialer Kameramann und Regisseur - und ist doch vergessen. Sein Leben im Nationalsozialismus ist Thema von „Stahltier“. Das Stück verliert aber seinen Kern.

Landsberg – Bleiche Gesichter, Spots reißen Lichtlöcher ins Dunkel, Schemen, von unten erleuchtet: Die Inszenierung „Stahltier“ des Berliner Renaissance-Theaters und des Théâtre National du Luxembourg trumpft mit einem beklemmenden Bühnenbild und exzellenten Schauspielenden. Der im Untertitel „Exorzismus in Memoriam Willy Zielke“ erwähnte Kameramann bleibt aber undeutlich. Und verschwimmt im Dunstkreis der Goebbels-Riefenstahl-Dialoge.

„Stahltier“ des Renaissancetheaters und des Théâtre National du Luxembourg: Goebbels und Riefenstahl

„Das Stahltier“ ist ein Film von Willy Zielke, den er für die Deutsche Reichsbahn 1935 realisierte. Ein Film mit innovativer Kameraführung, mit dem er gar der Nazis liebstes Filmkind Leni Riefenstahl auf sich aufmerksam macht. Zielkes Film wird verboten: zu avantgardistisch, auch in seiner Kameraführung, teils vom sich drehenden Eisenbahnrad aus aufgenommen. Als ‚Entschädigung‘ darf er den Prolog zu Riefenstahls Film „Olympia“ drehen – was anschließend zum Zerwürfnis zwischen Zielke und Riefenstahl führt. Warum, ist nicht belegt. Einige Publikationen sagen, sie habe den ihr unliebsamen Filmemacher aus dem Abspann streichen lassen. Zielke erleidet einen Nervenzusammenbruch, wird zwangsweise in die Psychiatrie eingeliefert, mit Schizophrenie diagnostiziert und sterilisiert. Dass Riefenstahl auch dabei die Hände im Spiel gehabt haben könnte, wird vermutet. Auch, weil Zielke 1942 wieder entlassen wird. Grundlos. Auf Initiative Riefenstahls: Sie braucht ihn für „Tiefland“, den Film, für den sie über fünfzig Sinti und Roma als Statisten aus dem KZ heraus zwangsverpflichtet.

„Ich wusste von nichts. Ich wollte immer nur gute Bilder machen“, lässt Ostermaier seine Riefenstahl am Anfang sagen. Die Filmemacherin fungiert im Stück als Scharnier zwischen Zielke und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels: die opportunistische Intrigantin, die gewissenlose Manipulatorin.

Das geniale Bühnenbild von Christoph Raschke lässt einen schwarzen Quader über der Bühne schweben – ein Quader, der sich immer weiter auf die Spielenden herabsenkt und sie am Ende einschließt. Zugleich dient der Quader als Projektionsfläche für Filmsequenzen, teils aus dem Spiel heraus, teils aus Riefenstahls Filmen – und auch Zielkes „Stahltier“ ist auszugsweise zu sehen. Die Filme geben Hintergrundinfos, stützen zudem die beklemmende Atmosphäre.

Keine Eins-zu-Eins-Besetzung: Koch und Macaulay meistern fliegenden Wechsel der Rollen

Regisseur Frank Hoffmann schreibt die drei Figuren nicht jeweils einem Schauspielenden zu. Für Zielke sprechen Wolfram Koch und Jacqueline Macaulay oft chorisch – die stärksten Szenen des Abends. Riefenstahl übernimmt Macaulay, Goebbels wird von Koch gespielt. Aber das kann sich auch mal drehen, was beide grandios meistern. Einige wenige Kleidungsstücke machen die ‚Verwandlungen‘ deutlich. Die so entstehende Distanz der Figuren zum Publikum wird noch vergrößert, indem sich Macaulay und Koch gegenseitig mit den Spots auf der Bühne ‚ins rechte Licht setzen‘: Ebenen werden gebrochen, was wir sehen, wird zur Filmszene.

Durch die nicht fixierten Rollen verlieren diese ihre scharfe Identität. Auch das schafft Distanz, verhindert das Versinken im Stoff. Zusammen mit den Dialogen in Versatzstücken, in Schlagworten, die sich Riefenstahl und Goebbels liefern, wird die Distanz aber letztendlich zu groß: Das Stück verliert die Verbindung zum Publikum.

Vor allem Willy Zielke selbst verschwimmt. „Stahltier“ zeigt ihn von Anfang an als zerstörten, desillusionierten Menschen, dessen Monologe immer introvertierter werden. Er tritt kaum mit den anderen Figuren in Interaktion, scheint von außen auf sein Schicksal zu schauen. Ist die Figur schon zu Beginn unscharf – „Ich bin ihr Schatten“, lässt Ostermaier Zielke zu Beginn sagen –, versinkt sie im Stück in immer verworreneren Monologen, wird in den zynischen, derben Dialogen zwischen Goebbels und Riefenstahl aufgerieben – so wie auch Zielkes Name in der Realität aus dem Bewusstsein der meisten verschwunden ist. Das mag folgerichtig sein. Aber es raubt dem Stück seinen Kern.

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Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/lokales/landsberg-kreisbote/im-schatten-leni-riefenstahls-stahltier-in-landsberg-94053904.html