Neustart nach Diagnose Parkinson: Vom Bäcker zum Reha-Vermittler

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Ein Bild aus der Vergangenheit: Konrad Specker übergibt den „Speckerbäck“ an Josef Eberl jun. und Josef Eberl sen. © Arndt Pröhl

Nach der Parkinson-Diagnose musste Konrad Specker aus Bad Heilbrunn seine Bäckerei aufgeben. Doch er fand eine neue Berufung in der Arbeitsvermittlung. Seine Arbeit erfüllt ihn.

Bad Tölz/Bad Heilbrunn – Im Jahr 2019 wurde bei Konrad Specker Parkinson diagnostiziert, eine tückische Krankheit, bei der Nervenzellen im Gehirn absterben, was unter anderem Muskelstarre und Muskelzittern zur Folge hat. Aufgrund dieser Symptome musste der 53-Jährige im Januar dieses Jahres seine Bäckerei in Bad Heilbrunn aufgeben. Doch Specker lässt sich nicht unterkriegen. Er sah sich auf dem Arbeitsmarkt nach Alternativen um – und wurde ausgerechnet in der Agentur für Arbeit in Bad Tölz fündig. Dort vermittelt er nun Arbeitsstellen im Bereich Reha: „Gar nichts tun könnten wir uns nicht leisten“, sagt Specker. „Und ich glaube auch nicht, dass es gesund wäre, wenn ich mit Anfang 50 nichts mehr zu tun hätte.“

Konrad Specker an seinem Arbeitsplatz in der Agentur für Arbeit (Foto: Arndt Pröhl)
Zufrieden an seinem Arbeitsplatz in der Agentur für Arbeit: Konrad Specker. © Arndt Pröhl

Wenn man im Alter von 47 Jahren die Diagnose Parkinson erhält, sei das natürlich „nicht schön“, sagt er rückblickend: „Mitten in seinem Leben muss man alles total umkrempeln.“ In seinem Fall ging es zunächst darum, wie es mit der Bäckerei und den rund 25 Angestellten weitergeht. Er sprach mit seinen Töchtern darüber, ob sie es sich vorstellen könnten, die Bäckerei zu übernehmen. Doch die winkten ab. „Die eine ist Erzieherin, die andere arbeitet in der Verwaltung der Fachklinik – sie sind weit weg vom Thema Bäckerei.“

„Mitten im Leben muss man alles umkrempeln.“

Verpachten kam für Specker nicht infrage. „Denn da muss man damit rechnen, dass man den Betrieb irgendwann wieder an der Backe hat.“ Genau dies wollte er vermeiden. Man wisse schließlich nie, wie Parkinson verläuft, man müsse mit allem rechnen: „Es kann auch sein, dass Parkinson Demenz hervorruft und ich dann nicht mehr handlungsfähig bin.“ Schließlich einigte Specker sich mit der Bichler Bäckerei Eberl. Diese übernahm die Bäckerei-Filiale im Rewe und einen Teil der Angestellten.

Specker teilte der Agentur für Arbeit mit, dass er krankheitsbedingt nicht mehr für die Ausbildung von Azubis zur Verfügung steht, „und so sind wir ins Ratschen gekommen“. Der Bäckermeister erfuhr, dass in der Agentur gerade eine 39-Stunden-Vollzeitkraft für die Eingangszone gesucht wird. Er wurde zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, drei Wochen später gab es eine überraschende Rückmeldung: „Sie haben gesagt: Es tut ihnen leid, aber auf der Position im Eingangsbereich sehen sie mich nicht. Aber mit meiner Erfahrung als Arbeitgeber könnte ich bei der Arbeitsvermittlung im Bereich Reha helfen.“

So hospitierte Specker von März bis Mai in der Agentur, absolvierte „viele Trockenübungen“ und gewann „tiefe Einblicke, wie es da zugeht“. Was ihm schnell klar wurde: „In der Agentur menschelt es total. Die Kolleginnen und Kollegen sind nah dran an den Menschen und an der Realität.“ Die 22 Mitarbeiter hätten ihn zudem „mit offenen Armen und offenen Herzen aufgenommen“. Seine neue Arbeit empfindet er als „sehr anspruchsvoll“, er müsse sich in das Sozialgesetzbuch III mit all seinen Paragrafen einarbeiten und viele Schulungen besuchen: „Es gibt ja immer etwas, das geändert wird.“ Bei offenen Fragen könne er sich an seine Kollegen oder an eine „sehr kompetente Patin“ wenden. Diese Unterstützung sei sehr wichtig: „Es gibt viele Fallstricke. Zugleich erwarten die Kunden zurecht eine Auskunft, die hieb- und stichfest ist.“

Seine neue Arbeitsstelle ist perfekt auf Specker zugeschnitten. Er kann sich seine Kundenkontakte selbst einteilen, arbeitet 25 Stunden, verteilt auf vier Tage. 50 Prozent der Zeit kann er im Homeoffice verbringen: „Ich habe mehr Freiheiten als in der normalen Arbeitsvermittlung, wo es Schlag auf Schlag geht.“ Da er sich momentan noch in der Einarbeitung befindet, sei er für 70 Kundinnen und Kunden zuständig: „Das ist sehr wenig. Kolleginnen und Kollegen, die in Vollzeit arbeiten, betreuen im Durchschnitt rund 200 Kundinnen und Kunden.“

Sonntags ist uns fast schon ein bisserl langweilig.“

Für ihn selbst sei die Festanstellung eine „gewaltige Umstellung“ gewesen. Als Bäcker sei er immer um 1 Uhr nachts aufgestanden, jetzt habe er erst um acht Uhr morgens Arbeitsbeginn. Als Selbstständiger habe es zudem „immer pressiert“, die Arbeit sei nie ausgegangenen. Mal ging es darum, den Teig vorzubereiten, mal gab es im Büro etwas zu erledigen, sonntags musste Specker immer arbeiten: „Jetzt entspannen wir uns im Sommer am See, sonntags ist es ab und zu fast schon ein bisserl langweilig“. Auch familiär hat sich einiges geändert, 30 Jahre lang arbeitete Specker mit seiner Ehefrau in der Bäckerei: „Jetzt geht jeder aus dem Haus und kommt nach Feierabend zurück. Irgendwie eigenartig.“

Die Krankheit schränke ihn schon ein bisschen ein, gibt er zu: „Wegen des Zitterns und der Steifheit dauert es vormittags etwas, bis ich in die Gänge komme.“ Wenn die Parkinson-Symptome „ganz schlimm“ sind und er nicht mehr auf der Tastatur tippen kann, gebe es elektronische Hilfsmittel: „Ich spreche, und der Computer schreibt die Berichte.“ Specker macht seine Arbeit Spaß: „Es gibt Menschen, die demotiviert zu mir kommen und sagen: Für mich gibt’s eh nichts mehr zu tun. Oft kann man dann aber doch was zusammenbasteln. Wenn man nicht die Amtskeule schwingt, blühen die Leute richtig auf.“

Was treibt ihn an, nie aufzugeben? „Ein Arbeitsplatz, der fördert und fordert, ist sicher ein Antrieb“, antwortet Specker und fügt lächelnd hinzu: „Vor allem sind wir vor einigen Wochen Oma und Opa geworden.“