Ein Denkmal für 35 tote Kinder: Bronzeskulptur erinnert in Indersdorf an jüngste Opfer der NS-Zeit

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„Wie fühlt sich eine Mutter, wenn sie ihr Kind in feindliche Hände geben muss?“, fragte Anna Andlauer am Pult. © hr

Auf dem Bezirksfriedhof Indersdorf wurde ein Denkmal für 35 verstorbene Kinder polnischer Zwangsarbeiterinnen enthüllt.

Ein Kind sei niemals der Feind, sagte der Generalkonsul der Ukraine, Yurii Nykytiuk, in Indersdorf. Im Kriegsjahr 1944/45 verloren 35 Kleinkinder polnischer und osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen in einer Baracke hinter dem Kloster Indersdorf ihr Leben. 80 Jahre später wurde nun auf dem Bezirksfriedhof eine Bronzeskulptur als Zeichen des Gedenkens enthüllt.

Kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte

Yurii Nykytiuk betonte bei seiner Ansprache: „Wenn wir heute dieser Kinder gedenken, dann tun wir das nicht aus der historischen Verantwortung heraus, sondern auch, weil bekannt ist, dass Gewalt gegen Kinder kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte ist.“ Und er erinnerte daran, dass auch in der aktuellen Zeit Tausende Kinder durch russische Angriffe getötet, verletzt und gewaltsam deportiert worden sind. „Heute erkennt man im Schmerz der Vergangenheit den Schatten der Gegenwart.“ Daher sind Orte wie dieser für ihn wichtig, als Warnung und als Verpflichtung.

Der Generalkonsul der Republik Polen Rafal Wolski bedankte sich ebenfalls, dass die Erinnerung an die schwächsten und unschuldigsten Opfer des nationalsozialistischen Regimes bewahrt werde. Vor 80 Jahren „waren diese Kinder die Wehrlosesten, die zum Opfer des rassistischen Wahnsinns“ geworden sind, betonte der polnische Vertreter.

Heimatforscherin Anna Andlauer richtete den Blick zudem auf die Gefühle der Mütter der verstorbenen Kinder: „Wie fühlt sich eine junge Frau, die allein und fern der Heimat schwanger wird? Wie fühlt sich eine Mutter, wenn sie ihr Kind in feindliche Hände geben muss?“ Manche Grausamkeit, so Andlauer, sei kaum zu begreifen. In den NS-Kinderbaracken vegetierten die Kleinkinder ohne ausreichende Nahrung und Betreuung dahin, 35 starben in Indersdorf.

Dem Unsagbaren eine Form geben

Mit ihrem Denkmal hat die Indersdorfer Bildhauerin und Künstlerin Ingrid Gottschalk dem Unsagbaren eine Form geben. Zunächst erscheint die Skulptur wie ein dunkler Vogel, eine trostlose Gestalt über einem Grabhügel – „Zuflucht im Schatten deiner Flügel“, wie es im Alten Testament heißt. Schaut man näher hin, so Anna Andlauer, dann erkennt man das Gefieder eines gebrochenen Flügels, dessen Federn verklebt und verschmolzen sind, zu einer dunklen, zerklüfteten Masse. Tiefe Furchen des Schmerzes ziehen sich hindurch – Furchen der Ausweglosigkeit und der Verzweiflung.

Und sie richtete die Frage an alle: Kann ein solcher Flügel noch Schutz bieten? Dort, wo er eigentlich mit dem Körper verbunden sein müsste, öffnet sich eine Stelle, und die zerklüftete Masse wird zur schützenden Hülle. Ganz zaghaft blickt ein Kindergesicht hervor – stellvertretend für 35 Kindergesichter. Die Augen geschlossen, das Gesicht friedlich, in sich ruhend, unversehrt, eine Seele, die trotz all des Leids da ist. Gleichzeitig liegt in diesem Bild für Andlauer eine leise Hoffnung. Denn aus „solchem Elend muss es Erlösung geben; es muss eine andere Gerechtigkeit geben. Die Skulptur ist ein stummer, und doch sichtbarer Schrei nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit“.

Rund um den Grabhügel verlasen Schüler der Fachoberschule Markt Indersdorf die Namen der 35 Kinder und entzündeten für jedes von ihnen eine Kerze. Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeier von Schülern des Gymnasiums Markt Indersdorf unter der Leitung von Corinna Barth.

Die beiden Vertreter der Konsulate entzündeten zwei große Kerzen, und in der Kapelle lag ein Erinnerungsbuch aus, das Gelegenheit bot, einen persönlichen Gedanken darin festzuhalten.

Roswitha Höltl