Verboten, verfolgt – und nun gefeiert: Kunstabend in Tölz

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Beeindruckten auf der Bühne: Die Tölzer Sopranistin Stephanie Krug und der Gitarrist Andreas Wittmann. © Fackelmann

Ein eindrucksvolles Musik-Theater in Tölz holt „entartete“ Kunst aus dem Schatten und zeigt, wie lebendig Klassik, Klezmer und Jazz trotz damaliger NS-Verboten geblieben sind.

Bad Tölz – Wie kann man Malerei, Literatur und Musik rehabilitieren, die von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ verteufelt wurde? Am besten, indem man sie liest, zeigt und zur Aufführung bringt. Das setzten am Mittwoch die Tölzer Sopranistin Stephanie Krug, das Ensemble „Alte Musik Neu così facciamo“, der evangelische Männerchor, die Big Band von Peter Zoelch, Schauspieler Stefan Wilkeling und Tänzer Alberto Pagani bei der eindrucksvollen Premiere ihres Musik-Theaters im Tölzer Kurhaus in die Tat um.

Eine Vielzahl von Mitwirkenden hatte sich zusammengeschlossen, um mit dem  Projekt „Das Lied von der Erde“ an „entartete Musik“ zu erinnern.
Eine Vielzahl von Mitwirkenden hatte sich zusammengeschlossen, um im Tölzer Kurhaus mit dem Projekt „Das Lied von der Erde“ an Musik zu erinnern, die von den Nazis als „entartet“ diffamiert worden war. © Bannier

In Tölz die Premiere

So eine Veranstaltung hatte es in Bad Tölz noch nicht gegeben. Man musste sich fast kneifen, um es wirklich zu glauben: Ja, hier draußen in der Provinz, fand die Premiere statt, nicht etwa in der Kulturmetropole München und einstigen „Hauptstadt der Bewegung“, wo in den zwölf schrecklichen Jahren alle Kunst und Kultur und deren Schöpfer vom Klang der Militärstiefel übertönt und zertreten worden waren.

Klassik, Klezmer und Jazz

Noch mit dem „Herzasthma des Exils“ hat es Thomas Mann 1945 vorhergesagt, dass man Deutschland einmal wieder lieben werde als große Kulturnation, weil es den Nazis letztlich nicht gelingen könne, deren Werte auszulöschen. Wie um das zu verdeutlichen, erstrahlte im Kurhaus zum Ende der Veranstaltung eine Lichtinstallation mit Bildern vom Königsplatz, Justizpalast und Siegestor („Dem Sieg geweiht – vom Krieg zerstört – zum Frieden mahnend“), um zu zeigen, dass München wieder im alten Glanz leuchten kann.

Eine Form von Verrücktheit

Zivilisierte Menschen vereint die Überzeugung, dass jede Verunglimpfung und Anfeindung von Kunst mit dem Kampfbegriff „entartet“ ein Ausdruck von Barbarei und eine Form von Verrücktheit ist. Die Nazis hassten den kulturellen Pluralismus der Weimarer Zeit. Sie diffamierten alles als „krank“, was nicht in ihre Ideologie vom „wahren Deutschen“ passte. Bücher wurden verbrannt, beschlagnahmte Kunstwerke zerstört oder verkauft. In der Musik wurden die moderne Neue Musik, jiddische Musik und „Negermusik“ wie der Jazz geächtet. Das galt auch für alle Komponisten, die erkennbar kritisch und politisch nicht auf Parteilinie waren oder nur den „Fehler“ hatten, jüdische Vorfahren zu haben.

Künstler und der Naziterror

Für die Künstler bedeutete dieser Naziterror Auftrittsverbote, Entlassung aus dem Engagement und Verlust der Existenz und in der Folge entweder die Flucht aus dem eigenen Land ins Exil mit dem Verlust der Heimat, Inspiration und Sprache oder Internierung und Ermordung im KZ. Stefan Wilkeling zitierte aus Briefen verfolgter Künstler und machte deren ganzes Drama deutlich. Else Lasker-Schüler, Ilse Weber, Heinar Kipphardt („Die Tugend der Kannibalen“), Lion Feuchtwanger, Kurt Weill und andere fassten während der NS-Zeit und danach ihren Schrecken in Worte – und auch ihre Schuldgefühle, überlebt zu haben im Gegensatz zu vielen Unglücklichen.

Vollbesetztes Kurhaus

Die mitwirkenden Musiker brachten Werke von Fanny Mendelssohn-Hensel, der Schwester des berühmten Komponisten der Romantik, Anton Webern, Hanns Eisler nach Texten von Tucholsky und Brecht, Georg Kreissler, Max Bruch, Benny Goodman, Kurt Weill und zum Abschluss Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ zur Aufführung. Darunter war viel Anrührendes. Auch im Programm: traditionelle Klezmer-Musik und Jazz, der so richtig erst nach dem Krieg von Amerika aus auch in Deutschland Begeisterung auslöste. Herausragend waren auch die Auftritte von Alberto Pagani, der mit seinem Tanz eine Art Kommentar zur Musik und Sprache beisteuerte und mit dem Ausdruck des Körpers zusätzliche Spannung erzeugte. Ganz großer Applaus im vollbesetzten Kurhaus für alle Mitwirkenden. Ein Vertreter der Stadt war übrigens nicht zugegen.

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Ermutigendes hatte eingangs Christoph Schnitzer erwähnt: Inmitten all der Entmenschlichung und Barbarei gab es auch Menschen mit sehr viel Mut und Charakter, wie den Gendarm Paul Mayer aus Lenggries, der ausgerechnet in den Räumen seiner Polizeiinspektion über Jahre hinweg eine Jüdin versteckt hielt und auch viele weitere Personen vor dem Zugriff der Gestapo schützte.

Dem Publikum den Spiegel vorgehalten

Dass Künstler ihr engagiertes Projekt „Entartete Musik“ ins Kurhaus brachten, ist nicht nur der Erschütterung geschuldet, was damals in Deutschland möglich war, sondern auch der Sorge, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit erneut bedroht sind und sich so etwas wiederholen könnte. Was die Nazis bis zum Exzess trieben, das gab und gibt es in Ansätzen wieder. Krieg ist zum Mittel der Politik geworden. Fast überall auf der Welt wachsen Intoleranz und Fanatismus: Diskussionen werden unterdrückt, Standpunkte verunglimpft, Boykottaufrufe verfasst und Andersdenkende niedergemacht. Und wie halten wir es heute mit der Toleranz? Tänzer Alberto Pagani lief am Schluss mit einem Spiegel durchs Publikum und hielt ihn den Leuten vors Gesicht.

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