TV-Doku über Kelly mit erstaunlichem Zitat: „Grüne treten besserwisserisch auf“

Es ist Ende der 60er-Jahre. Die spätere Grünen-Gründerin Petra Kelly studiert in den USA. Sie engagiert sich für den Wahlkampf von Robert F. Kennedy. Und sie hat schon damals eine Agenda: Kampf gegen patriarchale Macht, Kampf für den Feminismus. Sie sieht sich nicht als klassische Politikerin. 

„Das ganze Leben ist Politik“, urteilt sie damals. Sie möchte, dass Autoritäten hinterfragt werden. Den zivilen Ungehorsam erkennt sie als Philosophie des Lebens. Bereits während ihres Studiums setzt Petra Kelly auf gesellschaftlichen Wandel und fordert Gleichberechtigung. Ihre frühen Erfahrungen in den USA prägen ihr politisches Handeln später in Deutschland.

Petra Kellys frühe politische Visionen

Eine TV-Dokumentation zeigt mehr als 30 Jahre nach dem Tod Kellys ihr Leben in der Politik. „Petra Kelly – Act now!“ (abrufbar ab sofort in der Arte-Mediathek) ist auch sehenswert, weil die Grüne schon nach dem Einzug in den deutschen Bundestag erkannte, was Macht mit Menschen macht – auch mit den Kollegen in ihrer eigenen Partei. 

Früh eckt sie an. Beschreiben manche sie als „willensstark und leidenschaftlich“, werfen ihr andere vor, sie sei „emotional und hysterisch“. Sie habe viele bemerkenswerte Eigenschaften gehabt, auch Charisma, sagt ihre frühere Büroleiterin. Das wäre für manche zu vieles auf einmal gewesen. Oder wie der Künstler Joseph Beuys über sie sagte: „Sie ist ein großes Kunstwerk innerhalb der Bewegung. Und sie ist nicht zu stoppen.“

Einblicke in Petra Kellys Wirkung auf andere

Kelly polarisierte schon zu Lebzeiten: Bewunderung und Kritik prallten aufeinander. Ihre leidenschaftliche Art machte sie für viele zur inspirierenden, aber auch herausfordernden Persönlichkeit. Kurz sieht man Luisa Neubauer in der Dokumentation. Man staunt, wie viele Gemeinsamkeiten Neubauer mit Kelly ausmacht. 

Es wirkt, als würde sie sich auf eine Stufe mit ihr stellen. Mutig ist das. Oder einfach nur anmaßend. Petra Kelly wird nach der Gründung der Grünen von vielen Deutschen hart angegangen. „KGB-Hure“ oder „Grüne Sau“ wird sie beschimpft, man schickt ihr ein Paket mit blutiger Wäsche. Interessant ist: Während heutzutage Menschen ihren Frust und ihre Drohungen anonym ins Netz blasen, sind viele Drohbriefe damals mit vollem Namen unterschrieben.

Wir erleben den Einzug der Grünen in den Bundestag, das war 1983. Petra Kelly wird von einem Reporter befragt, wie diese Bonner Welt denn sei, vor allem für sie als Frau. Diese gibt sich unbefangen und macht sich über ihre männlichen Kollegen lustig. „Einige grüne Männer sind sehr beeindruckt von der Bonner Welt, dazu gehören auch Fischer und Schily und andere.“ Sie selber hält sich mit Seilschaften und Netzwerken zurück. Und rügt ihre Parteifreunde: „Einige Grüne rutschen da ganz schnell rein, das ist aber auch ein bisschen traurig, denn es ist eine ganz zynische und oberflächliche Welt.“

Petra Kelly in einem Interview 1983
Petra Kelly in einem Interview 1983 privat

Die Bonner Politik aus Kellys Sicht

Petra Kelly kritisierte Seilschaften, Oberflächlichkeiten und die „grüne Sauf-Kultur“. Sie setzte auf Unabhängigkeit und eigenständiges Denken innerhalb der Fraktion. Petra Kelly wird zunehmend zu einer tragischen, traurig wirkenden Figur innerhalb ihrer eigenen Partei. „Sie wurde als schwierig empfunden in der Fraktion“, erzählt die ehemalige Büroleiterin. Und sie gibt selber zu: „Hätte ich die Wahl gehabt, ich würde nie die Grünen als Partei gründen, sie hätte eine Bewegung bleiben sollen, so wie Greenpeace.“ 

Kurz vor ihrem Tod rechnet sie harsch mit den Grünen ab. „Die Grünen sind eine zutiefst deutsche Partei.“ Das seien auch Meinungen aus dem Europaparlament, die sie immer wieder hören müsse. Und dann sagt sie eine bemerkenswerte Einschätzung, die vor mehr als 30 Jahren von ihr gesagt und den Grünen heute oftmals vorgeworfen wird: „Die deutschen Grünen treten besserwisserisch auf.“

Vermutlich am 1. Oktober 1992 erschießt ihr Lebensgefährte Petra Kelly im Schlaf und dann sich selbst. In der TV-Doku werden Indizien einer möglichen Motivlage für den Mord an Kelly genannt: Demzufolge soll Bastian seine Gefährtin kurz vor Veröffentlichung seiner Stasi-Akten erschossen haben. Er wollte die Veröffentlichung nicht erleben und konnte sie nicht verhindern. Politiker Otto Schily sagt im TV-Beitrag: „Ich bin tief überzeugt, dass sie nicht sterben wollte.“