Dunia Dance Theatre in Landsberg: Was bleibt, ist der Mensch

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Ein Organismus, fremd und beklemmend: Die fünf Tanzenden des Dunia Dance Theatres bei ihrem Auftritt im Landsberger Stadttheater. © Greiner

Unzählige Signale hämmern auf den menschlichen Kopf. Da heißt es filtern. Einordnen. Fremdes gerät dabei oft in falsche Schubladen: in die mit dem Etikett „Angst“. Und schnell wird aus dem Fremden das Monster. Das Dunia Dance Theater „Reflections [on monsters]“ nimmt sich das Fremde zum Thema. Und zeigt das Monster in uns.

Landsberg – Ein Rauschen, Wellen plätschern, leiser, verstummen. Und dann setzt das Cello ein. Dasiel Forcade, am linken Bühnenrand sitzend, spielt die Saiten mit starkem Druck. In der Tiefe brummt es, hohe Töne kreischen fast im Ohr. Eine unruhige Stimmung, angespannt, wenn nicht gar bedrohlich. Leiser Wind, Stimmensummen. Und dann kriecht ein Monster auf die Bühne. Wie ein unbekannter Organismus, eine Raupe robbt es über die Bretter: vier Tänzerinnen und Tänzer, die sich auf dem Boden in eine Richtung rollen. Auf ihren Körpern wird der fünfte getragen, fällt an der Raupensitze auf den Boden und unter den neuen Körper, der vom Ende der Raupe nach oben und vorne getragen wird.

Dunia Dance Theatre mit „Reflections [on monsters]“ in Landsberg: eine musikalische Weltreise

Ein eindrücklicher Anfang, den Choreograf Harold George für seine „Monster“ wählt. Noch eindrücklicher, wenn sich dieses Unbekannte in Einzelteile auflöst – die zu Individuen werden, quasseln, plappern. Und wieder eine Gruppe bilden: ein Kauernder, bedrängt von vier Personen. Der Kauernde ist der Fremde – und damit das Monster.

Die Musik, afrikanisch, arabisch, sakraler Mönchsgesang, barocke Ideen bis hin zu Nina Simones „Go to Hell“, zu dem das Ensemble fast eine Art Musical-Szene liefert, bildet einen Querschnitt durch die halbe Welt. Die Vielfältigkeit der Musik ist eines der Kennzeichen des von Harold George in Sierra Leone gegründeten Ensembles, das seit 2001 in Brüssel seinen Sitz hat. Ein anderes Kennzeichen: Sprache. Die mag unverständlich sein, ein Fantasiegemisch, oder auch eine drängende Abfolge von Wortfetzen. Zum Beispiel das beim Solo eines Tänzers eingespielte Französisch, das Kategorien brennt: die zu Reichen, zu Armen, die Worte, die Wut, und immer wieder „eux, eux, eux“: sie, die anderen, das Fremde. Dabei müssen wie nur reden, drängt die Stimme. Miteinander sprechen. Geschichten von unseren Schubladen erzählen, unsere Kategorien überwinden und erkennen: Es geht nicht um die da. Es geht um „nous“, um uns.

Das Ensemble erzählt diese Geschichten in deutlichen Bildern. Antoine Panier gestaltet die Bühne ausschließlich mit Licht. Es strahlt mal grell, meist düster von unten oder der Seite und weckt Horrorfilmanalogien. Verstärkt werden die durch Videosequenzen, in denen überlebensgroße Tanzende nach vorne schreiten, zu Riesen werden.

Organismus mit Kanten, Solist in der ganz eigenen, engen Welt: Dunia Dance Theatre in Landsberg

Die Tanzsequenzen erschaffen symbolische Situationen: Ein Tänzer nimmt einen weiteren auf die Schulter, der von oben mit dem Fuß einen Dritten nach unten drückt. Ruckartige Bewegungen deklarieren die Kanten dieses oft so beklemmenden Organismus, den die fünf Tanzenden – Ana Karina Castro, Linda Zaniboni, Yuri Fortini, Hamza Baroune und Llewellyn Mnguni – immer wieder formieren. Tanzende, die unter einem Tuch verschwinden, werden zum beängstigend Unbekannten, Solisten, verlieren sich in ihrer selbst gemauerten Welt. Und Paare, ringen miteinander um die Macht. Beklemmend.

Am Ende entkleiden sich die Tanzenden. Und entfernen damit die (fast) letzte Schublade der Kategorisierung. Haut in allen Schattierungen. Aber letztendlich immer ein Körper. Es bleibt der Mensch.

Das Landsberger Publikum im ausverkauften Theatersaal jubelte.

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Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/lokales/landsberg-kreisbote/dunia-dance-theatre-in-landsberg-was-bleibt-ist-der-mensch-94040919.html