„Es geht um unsere Existenz“: Oberbayerische Geflügelhalter fordern sofortige Stallpflicht für Hühner

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Bei Rosi und Toni Lautenbacher – auf dem Archivbild mit Sohn Anton – haben die Hühner freien Auslauf. Zum besseren Schutz vor der Vogelgrippe würden sich die Halter aber eine Stallpflicht wünschen. © Arndt Pröhl

Die Vogelgrippe grassiert heuer in Deutschland stärker als in den vergangenen Jahren. Das bereitet auch Geflügelhaltern in Bad Tölz-Wolfratshausen Sorgen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Schockmoment ist vielen noch in lebhafter Erinnerung: Im Februar 2006 wurde im Gemeindegebiet Sachsenkam eine tote Ente gefunden. Es war eines der ersten beiden Tiere in Bayern, die nachweislich an der Vogelgrippe verendet waren. Seither grassiert die Tierseuche immer wieder. In diesem Herbst breitet sich die Vogelgrippe in Deutschland besonders rasant aus, und die Einschläge rücken auch in Oberbayern näher. Geflügelhalter im Landkreis fordern eine umgehende Aufstallpflicht.

Vogelgrippe bereitet Hühnerhaltern Sorgen

Mit seinen aktuell 13.000 bis 14.000 Tieren ist Michael Häsch vom Bertenbauernhof in Dietramszell der größte Geflügelhalter im gesamten Landkreis. Mit der Bedrohung durch die Vogelgrippe „leben wir eigentlich permanent“, sagt er, „und die Fieberkurve steigt immer im Frühjahr und Herbst mit dem Vogelzug.“ Dann nämlich transportieren Zugvögel die Viren durch ganz Europa – und Häsch hat nach eigenen Angaben „keine ruhigen Nächte“. Jeder Geflügelhalter habe Angst, dass zum Beispiel ein infizierter Kranich vom Himmel fällt und so die Erreger in seine Bestände tragen könnte.

Häsch fragt sich deshalb: „Warum lassen wir die Hühner nicht einfach jedes Jahr zu diesen Zeiten flächendeckend vier bis fünf Wochen im Stall?“ Zumindest entlang besonders gefährdeter Gebiete auf den Zugrouten der Wildvögel, an Seen und an Flussläufen, sollte dies seiner Meinung nach gelten. Machbar sei das aber nur, wenn es dafür eine behördliche Anordnung gebe. Seine Hühner auf eigene Faust im Stall einzusperren, könne man nicht – sonst könne man deren Eier nicht mehr als Freilandeier vermarkten. „Mit der Aufstallpflicht wird viel zu lange gezögert“, findet Häsch.

Stallpflicht wäre „sicherste Variante“

Eine Stallpflicht wäre aktuell „die sicherste Variante“, findet auch Toni Lautenbacher. Der Benediktbeurer besitzt rund 1700 Hühner in Freilandhaltung. „Wenn ich das Risiko minimieren kann, warum mache ich es dann nicht?“, fragt er. Wird in einem Betrieb eine Infektion festgestellt, müssen alle Tiere getötet und entsorgt werden. „Da geht es um unsere Existenz“, betont Lautenbacher. Abgesehen davon handle es sich bei den Hühnern schließlich um lebendige Wesen.

Ein Alptraum wäre eine Infektion in den eigenen Ställen auch für Häsch. Nach einem hypothetischen Ernstfall mit einer Keulung des gesamten Bestands rechnet der Dietramszeller, dass ein halbes bis ein Dreivierteljahr vergehen würde, in dem der keine Eier aus eigener Erzeugung anbieten könnte. Neue Tiere seien nämlich gar nicht so leicht zu bekommen, sie müssten erst aufgezüchtet werden. Um seine Kunden zu beliefern, müsste er in dieser Zeit selbst Eier zukaufen. „Aber die Frage ist, ob ich nach ein paar Monaten überhaupt noch Kunden habe.“ Es gebe zwar Entschädigungen aus der Tierseuchenkasse und gegebenenfalls der Betriebsausfallversicherung. Dennoch gefährde so eine Situation die Existenz, so Häsch. Er plädiert daher außer der Aufstallpflicht auch für eine flächendeckende Impfung des Geflügels.

Hühnerhalterin behält Tiere genau im Auge

Und wie fänden es die Hühner selbst, wenn sie auf ihren gewohnten Auslauf verzichten und im Stall bleiben müssten? „Es wäre ja nur für ein paar Wochen, das würden die Tiere verkraften“, ist Lautenbacher überzeugt. Als Halter würde er sich in dieser Zeit bemühen, die Hühner mit mehr Beschäftigungsmaterial, wie Picksteinen oder Einstreu, bei Laune zu halten. „Es wäre auf alle Fälle besser, als wenn der gesamte Bestand gekeult werden muss“, so Lautenbacher.

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Eine Aufstallpflicht „wäre für die Tiere nicht gerade schön, aber es hätte ja einen Hintergrund“, sagt die Lenggrieserin Andrea Hohenreiter. Seit 2021 hält sie in drei mobilen Ställen jeweils 235 Hühner nach Bio-Vorgaben. „Würden wir im konventionellen Bereich arbeiten, dürften wir pro Stall 100 Tiere mehr halten“, sagt sie. Diese Zahl verdeutliche, dass die Hühner auf ihrem Hof immer noch „jede Menge Platz im Stall“ hätten.

Die aktuelle Situation betrachtet sie mit einer Mischung aus Gelassenheit und Sorge. „Natürlich nehmen wir das Thema ernst, und man fragt sich, wie es weitergeht“, erklärt sie. „Wir sind dem Ganzen schutzlos ausgeliefert.“ Ihre Tiere behält sie dieser Tage jedenfalls noch etwas genauer im Auge als sonst. „Im Moment sind zum Glück alle sehr fit und lebendig.“ (ast)