Oberland-Hospiz öffnet Türen und nimmt Berührungsängste vor dem Tod

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Die Segnung mit (v.r.) Horst Blüm, Elisabeth Hartenstein und Monsignore Walter Waldschütz, dem Kreuther Kirchen- und Bergsteigerchor und Hospizkreis-Vorsitzender Franziska von Drechsel war ein Höhepunkt des Tags der offenen Tür. © THOMAS PLETTENBERG

Beim Tag der offenen Tür informierte das neue Hospiz über Palliativpflege und begleitete Besucher durch das schwierige Thema Sterben.

Miriam Wagner drückt auf einen Knopf, und das Waschbecken fährt nach unten: „Rollstuhlfahrer können das Waschbecken so auf die richtige Höhe bringen“, erklärt die Pflegefachkraft. Die 39-Jährige führt beim Tag der offenen Tür am Freitag Interessierte durch das neue Oberland-Hospiz, das die Marion-von-Tessin-Stiftung für fast zwölf Millionen Euro (ohne Einrichtung) am Löblweg in Bad Wiessee errichtet hat (wir berichteten). Gerade zeigt sie eines von zwölf Gästezimmern im Erdgeschoss des modernen Gebäudes. Helle, geräumige Zimmer, jedes mit barrierefreiem Bad, eigener Terrasse und Kühlschrank: „Für die Wunschgetränke des Gastes.“ Wagner, die bereits zuvor mit Todkranken gearbeitet hat, weiß: „Die meisten Sterbenden wären gern daheim.“ Weil das aber nicht immer möglich sei, brauche es Einrichtungen wie das Oberland-Hospiz.

Tag der offenen Tür im neuen Oberlandhospiz mit Segnung in Bad Wiessee Foto tp
Tag der offenen Tür im neuen Oberlandhospiz mit Segnung in Bad Wiessee Foto tp © Thomas Plettenberg

Wagner ist eine von rund 20 Mitarbeitenden der Einrichtung, darunter auch Pflegedienstleiterin Jutta Weigel und Geschäftsführer Alexander Daxenberger. Bevor am 3. November der erste Gast einzieht, erklärt das Team an den Tagen der offenen Tür am Freitag und am Samstag das Selbstverständnis der Einrichtung, gewährt Einblick in seine Arbeit – und nimmt Berührungsängste vor dem Thema Tod. Die Tage der offenen Tür sind Teil des Eröffnungszeremoniells, zu dem auch der Festakt im Seeforum am Freitagabend gehört (Bericht folgt).

Neben Führungen durch das Gebäude können die Besucher Vorträge besuchen, etwa zum Thema Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. In einem Raum im Obergeschoss erklärt Palliativfachkraft und Aromaexpertin Susanne Weitzel den Besuchern, wie duftende Öle Begleiterscheinungen des Sterbens lindern können. Juckreiz zum Beispiel, der oft auftrete, wenn die Leber nicht mehr funktioniere. „Niaouli eignet sich als Hautschutz bei Schäden, die durch Bestrahlung entstanden sind“, sagt Weitzel. Auch bei Angst und Unruhe während des Sterbens weiß die Expertin Abhilfe.

Tag der offenen Tür im neuen Oberlandhospiz mit Segnung in Bad Wiessee Foto tp
Rede und Antwort standen die Hospiz-Mitarbeiter den Besuchern. © Thomas Plettenberg

Es ist ein schwieriges Spannungsfeld, in dem sich der Tag der offenen Tür bewegt. Die Fachkräfte, die den Besuchern Rede und Antwort stehen, benennen auch jene Dinge klar, über die sich niemand gern konkret Gedanken macht: Atemnot, Mundtrockenheit und Tumorgeruch. Sie tun das sachlich und einfühlsam zugleich. Zum Beispiel die 25 Jahre alte Pflegefachkraft Lea Masur. Sie zeigt Eiswürfel-Formen, die so klein sind, dass Sterbende trotz der typischen Schluckbeschwerden die darin gefrorenen Flüssigkeiten lutschen können. Warum sie sich ausgerechnet für das Hospiz als Arbeitsplatz entschieden hat? „Es ist erfüllend, einem Menschen in seiner letzten Lebensphase etwas Gutes zu tun.“ Wichtig sei, einen gesunden Mittelweg zwischen Nähe und Distanz zu finden.

Ein paar Räume weiter sitzen Besucher bei Kaffee und Kuchen beieinander. Darunter auch Jüngere. „Irgendwann sind wir doch alle mit dem Tod konfrontiert“, sagt eine Besucherin, die nicht namentlich genannt werden möchte. „Ich möchte mich über das Hospiz informieren, so lange ich noch fit bin.“

Der Höhepunkt der Veranstaltung ist die Segnung mit der Tölzer Pfarrerin und Klinikseelsorgerin Elisabeth Hartenstein, Monsignore Walter Waldschütz und Diakon Horst Blüm. Der Kreuther Kirchen- und Bergsteigerchor unter der Leitung von Birgit Kandlinger singt so eindrucksvoll, dass Gräfin Franziska von Drechsel als Vorsitzende des Hospizkreises Miesbach um einen weiteren Auftritt zur Weihnachtszeit bittet. Hartenstein sagt: „Ich weiß aus meinem Berufsalltag, wie schwer es im Oberland sein kann, zeitnah einen Ort zu finden, wo die Bedürfnisse von Todkranken und ihren Angehörigen gehört werden.“ Das Oberland-Hospiz sei deshalb ein Segen für die Region. „Hier gehört das Sterben zum Leben.“