Spuren großer Frauen zwischen Lech und Ammersee

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Einen Abend voller Inspiration erlebten die zahlreichen Gäste aus Politik, Kultur und Gesellschaft im Landratsamt bei der Würdigung dreier FrauenOrte im Landkreis. © LRA/Leitenstorfer

Die historischen Leistungen von Frauen in Politik, Gesellschaft, Kunst und Wissenschaft in der öffentlichen Wahrnehmung bekannter zu machen, starke Frauen zu würdigen und an sie zu erinnern – das ist das Ziel des Projekts ,FrauenOrte‘ des Bayerischen Sozialministeriums. Es will herausragende Frauen und die Spuren, die sie in ihren Regionen hinterlassen haben, sichtbar machen - auch im Landkreis Landsberg.

Landkreis Landsberg - Auch im Landkreis wurden jüngst im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung im Sitzungssaal des Landsratsamtes drei außergewöhnliche Frauen geehrt: Henia Durmashkin, Mathilde Eller und Therese Ullrich. Plaketten an ihren früheren Wirkungsstätten sollen folgen.

Henia Durmashkin (1926-2002), jüngstes Kind einer litauischen Musikerfamilie, war 17 Jahre alt und hatte gerade ihre Ausbildung am Konservatorium in Vilnius begonnen, als die deutsche Wehrmacht in Litauen einmarschierte. Zusammen mit ihrer Schwester Fania wurde sie verschleppt, musste Zwangsarbeit leisten und durchlitt zwei Jahre in mehreren Konzentrationslagern.

Nach der Befreiung durch die US-Armee landeten die Schwestern 1945 im Kloster St. Ottilien. Henia und Fania Durmashkin gehörten zu jenen acht Musizierenden, die am 27. Mai 1945 das legendäre Liberation Concert gaben. Die 19-jährige Henia war so schwach, dass sie sich dabei kaum auf den Beinen halten konnte. Das Konzert setzte ein Zeichen, das bis heute unvergessen ist. Henia Durmashkin ging später in die USA und setzte dort ihre Karriere als Sängerin fort.

Mathilde Eller (1902-1999) war Lehrerin an der Volksschule Thaining. 1935/36 absolvierte sie eine Weiterbildung zur Hilfsschullehrerin, wie die Lehrkräfte damals genannt wurden, die Kinder mit körper­lichen oder geistigen Einschränkungen unterrichteten.

Doch Kinder mit geistiger Behinderung galten als bildungsunfähig und hatten keinen Anspruch darauf, in die Schule zu gehen – auch noch lange nach dem Ende der Nazi-Diktatur. 1965, nach einem unermüdlichen Kampf, setzte Mathilde Eller die Schulpflicht auch für diese Kinder durch und wurde Rektorin der ersten Münchener Sonderschule. 1968 gründete sie den Münchener Zweigverein der Lebenshilfe, der Menschen mit Behinderung unterstützt. Beide Institutionen sind heute aus dem sozialen Netz nicht wegzudenken.

Der dritte FrauenOrt im Landkreis ist das ehemalige Heilig-Geist-Spital in Landsberg. Es war der letzte Wohnort von Therese Ullrich (1888-1981), einer Vorkämpferin für Frauenrechte und ein partnerschaftliches Miteinander der Geschlechter. Als Mitglied des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB) gründete Ullrich 230 neue Zweigvereine und hielt 451 Landfrauentage ab.

Anfeindungen und sogar gewalttätige Angriffe konnten Therese Ullrich nicht aufhalten. 1918/19 hielt sie Vorträge über das soeben eingeführte Frauenwahlrecht – einen einzigen davon ließ sie ausfallen, nachdem 35 junge Männer sie mit Stöcken attackiert hatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sie sofort damit, das von den Nazis zerschlagene Bildungsnetzwerk des KDFB wiederaufzubauen. Zwar musste sie diese Tätigkeit 1947 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Doch sprang sie als Vertretung immer ein, wenn es irgendwo nötig war. Mitreißend und redegewandt, vertrat sie noch bis ins hohe Alter christliche und soziale Ansätze in der Landsberger Lokalpolitik.

Frauenorte als Brücken

„Frauenorte sind mehr als Erinnerungsorte. Sie sind eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, sagte Susanne Stegmaier, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, vor den zahlreichen Gästen des Ehrungsabends. Nach einer Videobotschaft der Bayerischen Sozialministerin Ulrike Scharf lobte die stellvertretende Landrätin Margit Horner-Spindler in ihrem Grußwort, das Projekt FrauenOrte hinterfrage Rollen­bilder und bringe die Entwicklung hin zu einer gleichberechtigten Gesellschaft voran.

Horner-Spindler leitete zwölf Jahre lang die Geschicke der Gemeinde Reichling und war lange Zeit die einzige Bürgermeisterin im Landkreis. Dass Frauen bis heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen, besonders aber in der Politik, unterrepräsentiert sind, sprach die Landsberger Oberbürgermeisterin (und erste Frau auf diesem Posten) Doris Baumgartl an. Sie unterstrich, dass es neben den Geehrten viele weitere Frauen gab, die die Region positiv prägten – angefangen bei Elisabetta Visconti, im 15. Jahrhundert eine wichtige Gönnerin Landsbergs, über Frieda Weber, die 1919 den ersten Verein für Fraueninteressen in der Lechstadt gründete und durchsetzte, dass die ersten Mädchen eine Realschule besuchen durften. Bis hin zu den Ursulinen und Dominika­nerinnen, die mit ihren Bildungsangeboten Herausragendes für Frauen in Landsberg leisteten.

In das Projekt FrauenOrte im Landkreis könnte demnächst noch eine Vierte aufgenommen werden: Julie Kerschensteiner (1878-1950), ebenfalls Gründerin eines Vereins für Fraueninteressen und spätere Leiterin des Landheims in Schondorf.