Burg Grünwald war adeliger Witwensitz der Herzöge, Liebesnest, Gefängnis, Pulvermagazin und schrilles Panoptikum. Heute erzählt ein sehenswertes Museum die bewegte Vergangenheit des idyllischen Gemäuers.
Grünwald - Wie Karl Valentin schon so schön dichtete: „Zu Grünwald im Isartal, glaubt es mir, es war einmal, da haben edle Ritter g‘haust, dene hat‘s vor gar nix graust.“ So besang Bayerns größter Humorist einst die Burg im heutigen Münchner Nobelvorort Grünwald.
Schon immer ging es hier etwas seltsam zu, weißt Harald Schulze von der Archäologischen Staatssammlung. Sie unterhält in der Grünwalder Burg ein liebevoll gestaltetes Museum, das sich mit der abenteuerlichen Geschichte des Baus und dem Burgwesen in Bayern generell beschäftigt. Im Frühmittelalter stand hier ein Wohnturm, den die Grafen von Andechs zur Burg ausbauten.
Hier verbrachten die bayerischen Herzöge geheime Liebesnächte mit ihren Mätressen
Diese wiederum übernahmen 1272 die Wittelsbacher. „Sie nutzten die Burg Grünwald zur Jagd oder als Ausweichquartier, wenn in München ein Aufstand drohte oder die Pest grassierte“, sagt Schulze. Auch als Witwensitz oder geheimes Liebesnest diente dem Hochadel das Gemäuer, dessen Namen auf den Ort Grünwald überging. Zuvor hieß er Derbolfing.
Der Landkreis München
Der Landkreis München ist der Speckgürtel im Norden, Osten und Süden der Stadt. Im Südosten grenzt er östlich von Aying an den Landkreis Rosenheim. Er zählt 354 396 Einwohner, größte Gemeinde ist Unterhaching mit 26 507 Einwohnern, gefolgt von der Stadt Unterschleißheim (28 482 Einwohner) und der Gemeinde Ottobrunn (22 829). Bis 1854 reichte der Vorläufer des Landkreises, das Bezirksamt München, bis ans östliche Isarufer, bevor es nach München eingemeindet wurde. Neuhausen, Schwabing oder Bogenhausen folgten bis zum Ersten Weltkrieg, die Stadt Pasing erst 1938. Bei der Gebietsreform 1972 musste der Altlandkreis Wolfratshausen die Gemeinden südlich von Grünwald abtreten. Foto (imago): Neues Schloss Schleißheim.
1486 wurde die Burg für Kunigunde von Österreich luxussaniert, wie man heuite sagen würde. Sie war die frisch angetraute Ehefrau von Herzog Albrecht IV. von Bayern. „Er hatte sie mit einer gefälschten Einwilligung ihres Vaters Kaiser Friedrich III. zur Hochzeit überredet, als sie in Innsbruck bei ihrem Onkel weilte“, erläutert Schulze mit Augenzwinkern. Die Adelswappen aus Tirol, Portugal, Sizilien oder Mailand am Giebel des Burgtors erinnern an die Stammbäume der beiden Eheleute.
Doch ab der Renaissance änderte sich die Mode: Mittelalterliche Burgen waren nicht mehr „in“, die Hoheiten in München verbrachten ab dem 17. Jahrhundert die Sommer lieber in den komfortableren Schlössern Oberschleißheim oder Nymphenburg, während die Hälfte der Burg Grünwald im 17. Jahrhundert den Hang zur Isar hinabrutschte.
Die Karriere einer Burg: Wehrbau, Luxusresidenz, Knast, Pulverturm, Panoptikum & Museum
Der Rest wurde zum Gefängnis umgebaut. Hier saß etwa ab 1698 der falsche neapolitanische Graf Domenico Manuel Caetano ein, der als angeblicher Goldmacher und Alchemist versucht hatte, den Münchner Kurfürstenhof zu prellen. Als die Österreicher Bayern besetzten, kam er wieder frei und landete schließlich in Küstrin (Preußen) an einem mit Goldflitter beklebten Galgen, da er auch den dortigen König reinzulegen versucht hatte. Auch wegen Blasphemie war er schuldig gesprochen: Caetano hatte sich auf Grünwald in seiner Zelle mit Ziegelstaub an der Wand kunstvoll als leidenden Jesus dargestellt. Man sieht die Fresken mitsamt einer Nachbildung von Caetanos Zelle beim Rundgang durchs Burgmuseum.
Zwischenzeitlich diente die Burg als Pulvermagazin, bevor sie der wegen seines Schlösserbaus chronisch klamme Bayernkönig Ludwig II. an den Münchner Paul Zeiller verkaufte. Zeiller war königlicher Wachspräparator und stellte riesige Figurengruppen her, etwa ein Kreuzigungs-Panoptikum für Lourdes. Auch in Grünwald wurden Figuren ausgestellt, und noch heute sind die lebensecht aussehenden Büsten im Burgmuseum zu sehen: von Menelik II. (1844–1913), Kaiser von Äthiopien, oder von Viktor Emanuel II. (1820–1878), König von Italien. „Zeiller machte aus der Burg einen Vorläufer von Madame Tussaud‘s Wachsfigurenkabinett“, erläutert Schulze.
Das aufkommende Kino machte dem Panoptikum den Garaus. Doch wir müssen noch von einem berühmten Freund der Familie Zeiller sprechen. „Karl Valentin verbrachte die Kriegszeit im Schlosshotel, im ehemaligen Oberförsterhaus neben der Burg“, so Schulze. Der Komiker versuchte sich als Archäologe – erfolglos. Dafür inspirierte ihn die Burg zum Theaterstück „Ritter Unkenstein“, das er 1939 bis 1940 in seinem Ritterkeller in der Sonnenstraße aufführte. Aus dem Stück stammt das Lied „Die alten Rittersleut“.
Beinahe wäre die Burg Grünwald zur Luxusresidenz umgebaut worden. Eine Bürgerinitiative verhinderte das. 1976 kaufte der Freistaat das Gemäuer.